Beschuldigt „das Patriarchat“ nicht pauschal alle Männer?

Nein. Das Patriarchat ist eine Gesellschaftsform, die die Unterwerfung von Frauen beinhaltet. Deshalb sind aber nicht alle Männer Patriarchen und unterwerfen generell Frauen.Männer als Gruppe unterwerfen und unterdrücken in diesem System aber Frauen als Gruppe.


Ist „das Patriarchat“ nicht einfach eine Verschwörungstheorie, in der alle Männer, selbst die „anständigen“, pauschal für das Leid der Frauen verantwortlich gemacht werden?

Patriarchat: Eines der am häufigsten fehlverstandenen Konzepte kritischer Theorie. Das Patriarchat ist eine antike und anhaltende Gesellschaftsform, basierend auf Traditionen und Elitedenken (eine Hierarchie von Minderwertigkeiten), Privilegien und der Unterordnung von Frauen durch strikte Erwartungen an Geschlechterrollen, die deren persönliche Entfaltung beschränken.

Einige Gesellschaften sind eher patriarchal geprägt als andere, aber patriarchale Traditionen sind überall zu finden. Nicht alle Männer sind Patriarchen. Ein Patriarch ist ein Mann, der Macht und Einfluss hat. Nicht nur über seine Familie, auch in der Gesellschaft, aufgrund von Privilegien, die ihm aufgrund von Alter, Leistungen, Abstammung, Unterstützung („Boys Clubs“) und der Ausbeutung anderer zugesprochen werden oder von Geburt an vorhanden sind.

Männer verschwören sich nicht grundsätzlich mit Patriarchen (obwohl sie vielleicht darauf hinarbeiten, einer zu werden): Männer haben innerhalb der traditionellen Hierarchie einfach einen Platz oberhalb dem von Frauen, was Patriarchen für sich nutzen, um sich die Rosinen heraus zu picken . Männer (als Gruppe) profitieren mehr von den Ungerechtigkeiten des Patriarchats als Frauen (als Gruppe).

In „primitiven“, gesetzlosen Gesellschaften [Anm.: sehr problematische Bezeichnung, bitte Link beachten] bietet eine patriarchale Organisation Frauen und Kindern gewisse Überlebensvorteile. Der Preis dafür sind Unterwerfung und oft auch frauenfeindliche Misshandlungen. Die Zivilisation hat sich weit weg entwickelt von diesen alten, rücksichtslosen Patriarchen die die Macht über Leben und Tod ihrer erweiterte Familien/Clans hatten. Das Überleben ist nicht mehr an eine formellen Unterwerfung geknüpft, weder für Männer noch für Frauen.

Dennoch ist die Gesellschaft immer noch in fast allen Organisationsformen anhand dieser patriarchalen Unterwerfung strukturiert – zum Vorteil derer, die an der Spitze stehen. Die männlichen, weißen Eliten haben immer noch die in keinem Verhältnis stehende Macht inne, über Lebenssituationen anderer Männer und besonders Frauen zu bestimmen.

 

Weitere Definitionen und Teilaspekte:

„Es gibt nicht den einen Patriarchen, immerhin nicht ausserhalb von Konstantinopel. Es gibt nicht den einen Typen im schicken Hut an der Spitze der Machtstruktur, umgeben von spärlich umhüllten Frauen, die er zu seiner Belustigung an die Tiger verfüttert. Wenn es so einfach wäre, könnten wir den alten Wichser abmurksen, die Frauen befreien und ihnen Hosen geben, ein warmes Zuhause für die Tiger finden und eine große Party um seinen brennenden Palast veranstalten (nachdem wir die Kunstwerke, Bücher und Schokolade gerettet haben). Das Patriarchat ist aber viel schwerer zu stürzen, weil es ein sehr, sehr altes System ist, das sich in das Denken jeder Person eingegraben hat, bis auf das unbewusste, nonverbale Level runter. (Wir haben alle mitbekommen wie gut der Kampf gegen Ideen funktioniert)“ – [jennie (zingerella): Who Are The Patriarchs, Anyway?]

 

„Das Patriarchat ist eine gewalttätige, tyrannische, aber kaum sichtbare soziale Ordnung, die auf dem unterdrückenden Denkmuster von Klasse und Status aufbaut, der Dominanz und Unterwerfung fetischisiert. Die Vorteile des Patriarchats sind in Übereinstimmung mit einer starren Hierarchie die reichen, weißen Männern an der Spitze und am Boden arme, nicht-weiße Frauen.“ – [Twisty Faster (I Blame the Patriarchy): Patriarchy-Blaming the Twisty Way]

 

Selbst in Ländern mit moderner Gesetzgebung und voller Gleichberechtigung der Geschlechter, gibt es immer noch viele patriarchale Überbleibsel mittels derer Männer (als Gruppe) Frauen (als Gruppe) entmutigen, soziale und finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen. Die anhaltende Unterwerfung und der Missbrauch von Frauen in „traditionelleren“ Gesellschaften, zusammen mit der ununterbrochenen Ungleichheit die selbst in Gesellschaften mit moderner Gesetzgebung herrscht, sind die Gründe warum Feminismus sich um die Demontage des Patriarchats bemüht. Darum sind einige Patriarchen auch so feindlich gegenüber dem Feminismus eingestellt:

„Feminismus ist eine sozialistische, gegen die Familie gerichtete politische Bewegung die Frauen ermutigt, ihre Ehemänner zu verlassen, ihre Kinder zu töten, Hexerei zu betreiben, den Kapitalismus zu zerstören und lesbisch zu werden.“ – [Pat Robertson, Multimillionär, Televangelist und ehemaliger Präsidentschaftskandidat, 1992]“

 

Patriarchat und Sexismus überschneiden und stützen sich: „Das „Männliche“ ist der Standard und die Norm. Alles davon Abweichende wird  in diesem System als Unzulänglichkeit eingestuft.

 

Quellen / Weiterführendes

4 Kommentare

  • redundtanz sagt:

    Es wäre sicherlich hilfreich da weiter zu differenzieren. Mich freut, dass zingerella bemerkt, dass sich die Strukturen des Patriarchats in die Denkweisen eines jeden Menschen eingegraben haben. Nicht richtig ist, dass am Boden die arme, nicht weiße Frau liegt. Am Boden sind ebenso Männer. Zumindest mehr Männer als Frauen. Wer das infrage stellt, sollte sich Zahlen über die Geschlechterzugehörigkeit der ganz am Boden liegenden ansehen (Heroinjunkies, Obdachlose, …).
    Um es aus der Sichtweise einer Patriarchen zu schreiben: Selbst die nicht weiße Frau am Boden kann noch dazu taugen mit ihr zu korpulieren. Beim homophoben Patriarchen ist ein Mann per se nicht mal dazu gut.

  • Birdy& Bambi sagt:

    Liebe Feministinnen,

    ich habe gerade etwas zu Beyonce/ Hip-Hop und Feminismus geschrieben und würde mich wirklich riesig über eure Gedanken dazu freuen!

    http://lasagnolove.blogspot.de/2013/06/you-get-to-decide-what-to-worship-iii.html

    Habt einen erfolgreichen Tag,

    Bambi

  • Tobias Jaeger sagt:

    ein kleiner exkurs zu einem netten, feministischen do it yourself – projekt:
    https://www.youtube.com/watch?v=ebBQGQCuodU

  • Es ist eine der patriarchalen Mythen, dass das Patriarchat eine sehr alte und grundlegende Gesellschaftsform sei. Tatsächlich bestanden die längste Zeit der menschlichen Geschichte (ca. 200.000 Jahre) über bis heute Matriarchate. Ein Patriarchat kann erst seit 1750 vor Chr., durch den Codex Hammurabi, wissenschaftlich nachgewiesen werden. Die bisherige Geschichtsschreibung ist maskulin und männerzentriert. Sie verleugnet die Existenz von Matriarchaten von den Anfängen der menschlichen Gesellschaft bis in unsere Zeit. Die Filmdokumentationen von Uschi Madeisky zeigen lebende Matriarchate. Wer sich über lebende und historische Matriarchate informieren will, die gehe auf die Homepage von MatriaVal e. V.

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