Consent Culture

Eine Consent-Culture ist eine Kultur, in der gegenseitiges Einverständnis ein wiederkehrender Aspekt von sexuellen Handlungen – tatsächlich über menschliche Interaktion – ist. Es ist eine Kultur mit einem Horror davor, jemanden zu etwas zu zwingen und mit Respekt vor der absoluten Notwendigkeit zur körperlichen Autonomie. Eine Kultur die glaubt, dass jeder Mensch selbst am Besten weiß, was er_sie braucht und möchte.


Ich will das nicht nur auf Sex einschränken. Eine Consent-Culture ist eine solche, in der gegenseitiges Einverständnis auch ein Teil des Soziallebens ist. Du willst nicht mit jemandem reden? Musst du nicht. Du willst keine Umarmung? Das ist ok, dann lassen wir das. Du willst den Fisch nicht probieren? Kein Problem. (Als jemand mit seltsamen Essensgewohnheiten hasse ich dieses „probier doch einfach ein bisschen was!“) Du willst nicht gekitzelt werden? Dann ist es nicht lustig, dir hinterherzujagen und es trotzdem zu tun. Die gute Neuigkeit ist: Du kannst etwas dafür tun. Dinge, die über „vergewaltige niemanden“ hinausgehen (wobei das schonmal ein super Anfang ist).

Wie du zu einer Consent-Culture beitragen kannst

1. Vergewaltige niemanden. Das muss gesagt werden. Und ich meine nicht nur „mit Skimaske gekleidet anderen Menschen in dunklen Gassen auflauern“-Vergewaltigung. Habe keinen Sex mit jemandem, der nicht eindeutig, enthusiastisch und fortwährend zustimmt. Habe keinen Sex mit jemandem, der sagt „ich glaube ja“ oder „na gut“ (es sei denn er_sie grinst dabei lasziv). Überzeuge niemanden zu Sex. Wenn die Person dich nicht wirklich, wirklich im Grunde ihres Herzens (und/oder Schrittes) will, dann respektiere das.

2. Wenn jemand keinen Sex mit dir will, und ihr es deswegen lasst, sprich darüber. Teile mit, dass es dich trifft, aber dass du auch Stolz auf deine Fähigkeit bist, damit gut umzugehen. Wenn du keinen Sex mit jemandem wolltest und die Person deswegen aufgehört hat, sprich darüber. Teile mit, dass du trotz der blöden Situation (jemanden zurückzuweisen) froh bist, dass die Person gut damit umgegangen ist. Es ist schwierig, so etwas zu diskutieren (teilweise, weil diese Dinge ziemlich nach Captain Obvious klingen – „Wow das war aber nett von dir, sie/ihn nicht zu vergewaltigen!“), aber es ist wichtig, diese Geschichten zu verbreiten. Unser Bild von Sex wird dadurch geformt, wie andere darüber erzählen, und es ist wichtig, auch einmal Geschichten zu hören, in denen die Botschaft eine andere ist als „habe Sex oder sei ein Loser.“

3. Wenn dir jemand davon erzählt, wie er jemanden durch psychischen Druck oder Tricks zum Sex gebracht hat (und die Situation für dich nicht gefählich ist), mahne das an. „Das ist echt uncool. Das klingt nicht danach, als ob er/sie das wollte.“ Du musst das V-Wort nicht benutzen, du musst diesem Jemand nicht sagen, dass er eingesperrt werden sollte oder ihn beschimpfen — du musst nur klarmachen, dass er keine verdammten High-Fives bekommen wird. Wenn du jemanden über Sex reden hörst, als hätte er seine_m/r Partner_in einen Streich gespielt, dämpfe unbedingt die Stimmung im Raum. Du kannst das auch mit erfundenen Geschichten tun. Du musst nicht mal den Spielverderber spielen. „Wow, Leute, ‚Baby It’s Cold Outside‘ ist ja voll der Date Rape Song.“ Ohne einen Rant oder Stimmungskiller verbreitet so eine Bemerkung subtil die Einstellung, dass das ein „total zulässiger Weg, an Sex zu kommen“-Song ist.

4. Wenn du etwas siehst, dass auf dich wie Missbrauch oder nicht-einvernehmlich wirkt, dreh dem nicht den Rücken zu. Sei wenigstens Zeuge — die Gegenwart einer anderen Person kann die größte Garantie für Sicherheit sein. Noch besser ist einschreiten und prüfen, ob alles in Ordnung ist.

5. Frage nach, bevor du jemanden berührst. Frag „willst du eine Umarmung?“ und wenn der Mensch nicht will, dann umarme ihn nicht — und wirf ihm auch nicht vor, unfreundlich oder unnahbar zu sein. Mach keine große Sache daraus, sondern integriere solche Nachfragen einfach in deine Menschen-Berührungs-Routine. Falls jemand sagt „du musst nicht fragen!“ nicke, lächle und frage weiterhin.

6. Verhandle Sex! Kläre explizit Sexspiele ab, ebenso BDSM Spiele, falls du das praktizierst. Gehe absolut klar mit dem Fakt um, dass Spiel für dich kein Pauschalgeschäft ist, und dass dein_e Partner_in jederzeit über jeden Teil des Ganzen die Meinung ändern kann — und du ebenso. Sei zur Not hoffnungslos direkt oder sag kitschige Dinge wie „darf ich dich jetzt küssen?“ und „Ich würde unglaublich gerne deine Brust streicheln.“ Ab und zu kommt es mal vor, dass du an jemanden gerätst, der solche Dinge nicht verhandeln will und Dinge sagt wie „Ich hätte gewollt, bevor du mit deiner Frage die Stimmung verdorben hast.“ Dann lass das bei dieser Person eben mit dem Sex. Ihr Problem. An der Stelle stellst du das Prinzip „Zustimmung ist mir wichtig“ über das Prinzip „hab unter allen Umständen Sex!“ und du kannst damit angeben, wenn du Erzählungsmuster änderst.

7. Verhandle Sex neu! Obwohl ich denke, dass nicht jeder Schritt von „kann ich dich jetzt küssen?“ in einer längeren Beziehung notwendig ist (obwohl mein Freund und ich wirklich jedes mal vor dem Geschlechts-verkehr fragen), ist es wichtig, weiterhin darüber zu reden, was man will und was nicht. Ihr seid keine Fremden mehr, aber ihr seit auch nicht zu einer Person verschmolzen. Haltet den aktiven Konsens in euren Beziehungen am Leben.

8. Lerne, Konsens zu lieben. Ich mache mir gerade Sorgen, dass das Zustimmung suchen total nach Arbeit klingt. Das ist es nämlich ganz und gar nicht. Nach Zustimmung fragen ist ein wundervoller Spannungs-moment voller Emotionaler Verbindung. Ein „Ja“ bringt die Freude mit sich, zu wissen, dass jemand wirklich heiß auf dich ist und dich wirklich will. Die Person wird nicht nur mitmachen bei den folgenden Taten, sondern auch total Lust darauf haben. Das ist kein „Vorbedingung erfüllt — check.“ sondern ein „super, jetzt wird das gleich noch viel besser.“ Ein „Ja, unter der Bedingung, dass…“ hilft dir, ein_e bessere_r Liebhaber_in zu sein. Jemand, der ihm_ihr genau geben kann, was er_sie will, und nichts, das nicht gewollt ist.

9. Lerne ein „Nein“ anzuerkennen. Ein „Nein, überhaupt nicht“ ist bittersüß — ach okay, manchmal tut es verdammt weh — aber es bringt Endgültigkeit und Gewissheit mit. Wenn ihr sowieso keinen Sex haben werdet (und das werdet ihr nicht, außer, du vergewaltigst diese Person), kannst du immerhin die „vielleicht hätte ich ja gekonnt, warum habe ich es nicht versucht?“-Gedanken streichen. Erinnere dich daran, dass schließlich nach Konsens zu fragen nicht bedeutet, jemanden zu der Entscheidung bringt, mit dir Sex zu haben. Diese Entscheidung wird getroffen, so oder so. Nach Konsens zu fragen bedeutet nur, dass du wissen möchtest wie diese Entscheidung aussieht.

10. Rede über Konsens. Mache Konsens zum Teil deiner Geschichten, wenn es um Sex geht. Einfach als natürlicher Teil des Prozesses, etwas, das als selbstverständlich gelten sollte, wird Teil der Sexgeschichte. „Also letzte Nacht habe ich Sandra gefragt ob sie noch mit zu mir kommt und sie hat ja gesagt.“ „Ohmeingott, Jane hat mich gefragt, ob ich mit ihr Sex haben will, und es war suuuuper.“ „Ich hab gehört dass Rob und Josie — ich werde dich umbringen wenn du das weitererzählst — absolut damit einverstanden waren, auf Jesses Party Sex zu haben!“ „Kirk legte Spock zärtlich über die Wissenschaftskonsole und flüsterte in sein spitzes, vulkanisches Ohr, ‚Willst du das? Willst du mich in dir spüren?““

11. Konsens, nicht nur im Schlafzimmer. Ich denke Teil des Problems, warum wir Schwierigkeiten haben die Grenze „es ist nicht okay jemanden zu sexuellen Aktivitäten zu zwingen“ zu ziehen, ist dass es Teil unserer Kultur ist, Menschen zu zwingen, Bestimmtes zu tun. Streich den Scheiß aus deinem Leben. Wenn jemand nicht auf eine Party will, ein neues Gericht ausprobieren will, aufstehen und tanzen, Smalltalk am Mittagstisch — das ist ihr gutes Recht. Hör auf mit „ach komm schon“ und „nur dieses eine Mal“ und all die Spielchen bei denen man jemanden dazu bringt mitzumachen. Akzeptiere dass nein auch nein bedeutet – jedes Mal.***|||||* Unabhängig davon, was notwendig für ihre Gesundheit und Bildung ist (und selbst da ist es zweifelhaft), bin ich auch der Meinung, dass man das auch nicht mit Kindern machen sollte. Die Größe und soziale Autorität, die Erwachsene gegenüber Kindern haben, sollte nicht ausgenutzt werden, um sie dazu zu bringen, zu spielen, Umarmungen anzunehmen oder auf die große Rutsche zu gehen. (vgl. Adultismus) Das gibt ein schlechtes, erschreckendes Beispiel für die Dinge ab, bei denen es okay ist seine Vorteile gegenüber anderen zu nutzen. Es ist eine gute Übung, deine eigenen Grenzen auch außerhalb des Schlafzimmers aufzuzeigen. Es kann sehr ermutigend sein, kleine Dinge wie „Nein, ich möchte nicht bei dir sitzen.“ „Nein, du bekommst meine Telefonnummer nicht.“ oder „Ich mag Umarmungen, aber bitte frag mich vorher.“ Das ist eine gute Übung für die großen Dinge. Einfach zu lernen, dich auf „diese Person will nicht, dass ich zu ihr nein sage und sie wird versuchen, dem entgegenzuwirken, aber ich tue es trotzdem“ einzustellen, ist unglaublich wichtig. Consent-Culture ist schwer aufzubauen. Es hat zumindest in der BDSM-Szene Fuß gefasst — wir reden immerhin viel über Konsens — aber ist noch lange nicht etabliert. In der Mainstream-Kultur findet sie nur schwer Halt. Jedoch wächst diese in Mikrokulturen, kleinen sexpositiven Blasen und Freundeskreisen in denen Konsens die Norm ist, und hat das Potenzial noch mehr zu wachsen.

Hilf dabei. Mache es zum Teil deines Lebens, und es wird ein wenig größerer Teil der Welt. Fang an, Konsens zu leben.

Quellen / Weiterführendes

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