Frauen ausschließen leicht gemacht

Dies ist eine Sonderübersetzung aus dem geekfeminismwiki. Zwar behandelt der Text primär aktuelle Probleme in der Haskell-Community, lässt sich aber leicht auf diverse Bereiche (MINT und Co.) übertragen.


Ausschließen durch Einbeziehen

Die diesjährige (2012) „Future of Haskell“-Diskussion, die sich traditionell ans jährliche Haskell-Symposium anschließt, schlitterte durch die ewige Frage nach mehr Haskell-Programmierende zur Frage nach der Geschlechtergleichheit hinein. Viele Programmierende (allen Geschlechts) finden Mathe einschüchternd und glauben, dass Haskell mehr mathematische Fähigkeiten abverlangt, als andere beliebte Programmiersprachen. In der Diskussion schlug Doaitse Swierstra (Professor für Informatik an der Universität Utrecht) vor, für jeden Mann im Raum eine Frau zu rekrutieren.  So weit so gut: Prof. Swierstra zeigte durch Einführen des Problems der Geschlechtergleichheit in die Diskussion Kreativität. Doch dann fuhr er damit fort, dass das Erreichen dieses Ziels die Treffen „attraktiver“ machen würde.

Ich besuche seit zehn Jahren Konferenzen der funktionalen Programmierung, und Programmiersprachen-Forschung ist selbst in der Informatik ein sehr männlich dominiertes Feld. Lustigerweise sind die funktionalen Programmiersprachen selbst ein deutlich männlich dominiertes Unterfeld der Programmiersprachen (PS) im Allgemeinen. Manchmal habe ich während Konferenzvorträgen die anwesenden langhaarigen Männer und die Frauen gezählt. Es gab immer mehr langhaarige Männer als Frauen. Ich kann natürlich durch Anschauen nicht feststellen, welchem Geschlecht eine Person sich zugehörig fühlt (ich weiß sehr gut, dass die meisten Leute mich bis 2007 für eine Frau gehalten hätten). Selbst mit einer sehr großzügigen Schätzung, über scheinbare Männer, die eigentlich Trans*-Frauen oder genderqueere Menschen sind, würden solche Konferenzen noch immer ein Geschlechterverhältnis aufweisen, das die Gesellschaft als Ganzes, oder die Informatik und Software in keinster Weise wiederspiegelt. Selbst die Mathematik ist weniger männlich dominiert als die Forschung an funktionalen Programmiersprachen. Die Ausrede, dass die Programmier-sprachenleute unschuldig sind und die Zahlen daraus resultieren, dass Mädchen in der Schule nicht zu Mathematik ermutigt werden, kann dieses Ungleichgewicht nicht erklären.

Prof. Swierstra hat zugegebenermaßen das Problem erkannt. Und ich zweifle nicht daran, dass die Intention seiner Kommentare war, zur Einbeziehung von mehr Frauen zu ermutigen, und nicht etwa, sie auszuschließen.

Dennoch ist Swierstras Anmerkung ein hervorragendes Beispiel, warum nicht die Intention hinter dem Gesagten wichtig ist, sondern der Effekt, den diese Worte haben. Dass seinem Aufruf zu mehr Frauen im Raum ein Kommentar folgte, dass Frauen die Attraktivität steigern würden, hat seinen Versuch, Gerechtigkeit herzustellen, unterminiert. Wenn du versehentlich jemanden mit deinem Auto überfährst und nicht beabsichtigst, ihn zu verletzen, ist er deswegen nicht weniger tot. Und wenn du einen objektifizierenden Kommentar abgibst, der beinhaltet, dass der Wert der Anwesenheit von Frauen bei einer akademischen Konferenz in ihrer Funktion als Dekoration liegt, fühlen sie sich nicht willkommen, selbst wenn diese Aussage „nicht so gemeint“ war. (Während fahrlässige Tötung weniger hart geahndet wird als Mord, hinkt der Vergleich an dieser Stelle. Niemand will Menschen für versehentliche sexistische Kommentare bestrafen. Stattdessen bitten wir um Reflektion und Lernen, damit solche Kommentare in Zukunft unterlassen werden.)

Natürlich reagiere ich auf diesen Kommentar als Mann – als ein Mann, der eine Lebenserfahrung hat, die die meisten Männer nicht teilen können: 26 Jahre, in denen die meisten oder alle Menschen, die ich traf annahmen, ich sei ein Mädchen oder eine Frau (währenddessen habe ich 12 Jahre Informatik studiert und in dem Gebiet gearbeitet). Trotzdem werde ich nie wissen, wie es für eine Frau ist, und ich kann keine Frauenperspektive präsentieren (nicht, dass es eine einzige „Frauenperspektive“ gäbe – es gibt so viele Frauenperspektiven, wie es Frauen gibt). Lindsey Kuper, eine Promotionsstudentin in Programmiersprachen an der Universität Indiana, hat auf einen anderen Teil von Swierstras Kommentar, der beinhaltete, dass Frauen „das Programmieren normalerweise uns überlassen“ geantwortet:

Wisst ihr was an dem Satz wehtut? Die Wörter „sie“ und „wir“. Eigentlich möchte ich glauben, dass ich mitgemeint bin, wenn PS-Leute von „wir“ reden. Aber scheinbar gibt es PS-Leute, für die „wir“ nicht „PS-Leute“ meint, sondern „PS-Männer“ – @lindsey

Chris Martens, eine Promotionsstudentin an der Carnegie Mellon, die die Verbindung zwischen Beweistheorie und Programmiersprachen studiert, fühlte sich durch Swierstras Kommentare (und die offensichtliche Akzeptanz in der Community) so abgestoßen, dass sie zukünftiges Mitwirken in der Haskell Community vermeiden will:

Danke, Haskell Community; ich werde nun in Sprachen programmieren, die zu ignoriert sind, um euren beschissenen Sexismus zu verdienen. – @chrisamaphone 

Eine Informatikprofessorin und kürzliche Promovierte, die anonym bleiben möchte, schrieb:

Es ist NICHT unsere Aufgabe als Informatikerinnen, attraktiv zu sein. Unsere Aufgabe ist es, zu forschen und wir sollten dafür ernstgenommen werden. Wir sind keine Köder, wir sind Menschen.

Die Dreamwidthnutzerin megpie71 schrieb in einem Kommentar:

Sie könnten natürlich mich oder andere Frauen wie mich kriegen – die Unscheinbaren. Die Mauerblümchen. Die Frauen, die Männer beiläufig beleidigen beim Versuch mit ihrer „hübschen Freundin“ zu reden. Die Frauen, die nicht umworben wurden oder werden. Und die größtenteils aus dem Attraktivitätswettbewerb ausgestiegen sind, weil es keinen Spaß macht, sich viel Mühe zu geben und am Ende noch nicht mal mit einer Teilnehmerurkunde gewürdigt zu werden.

Denn, lasst uns ehrlich sein: Die Kriterien für „Attraktivität“ in dieser Gesellschaft zu erfüllen ist undankbar. Würde ich es versuchen, müsste ich jede freie Minute meines bewussten Tags dafür aufwenden (und Schlaf bekäme ich wohl auch kaum). Es würde mir nicht viel Raum für schwierige intellektuelle Arbeit lassen, da ich versuchen müsste, mit den sich ewig ändernden Idealen mitzuhalten – was an sich schon ein Haufen Arbeit ist. Das Ganze müsste ich mit einer mikroskopisch kleinen Kalorienmenge tun, denn ein Hauptfaktor unserer Gesellschaft für „Attraktivität“ ist nun mal „dünn“ zu sein (und ich habe weder den Körpertyp noch den Metabolismus für dünn). Das würde die intellektuelle Arbeit natürlich noch weiter erschweren.

Ich habe schon vor Jahren den Versuch aufgegeben, hübsch, attraktiv, oder irgendetwas in die Richtung zu sein. Stattdessen arbeite ich mit dem, was ich habe – ich bin intelligent und ich kann diese Intelligenz für Dinge wie Programmieren verwenden. Ich bin gut in intellektuellen Dingen. Wäre ich ein Mann, würde das zählen. Es wäre Respekt wert. Aber natürlich bin ich eine Frau, und da zählt es nicht, wenn ich nicht gleichzeitig ein angemessenes Objekt der Begierde für den Male Gaze bin. Stattdessen bin ich nur ein unauffälliges Blümchen auf der Mauer.

Ich glaube dieser Kommentar demonstriert, wie viele Frauen sich fühlen, wenn jemand in ihrer professionellen Umgebung andeutet, dass sie nur existieren, um attraktiv für heterosexuelle Männer zu sein. Natürlich sind nicht alle Frauen gleich, und viele Frauen empfinden Swierstras Kommentare nicht als sexistisch (genau so wie manche Männer sie nicht sexistisch fanden). Kommentare, die die Beteiligung von Frauen abwerten, werden nicht unbedingt von jeder einzelnen Frau als abschreckend wahrgenommen.

Swierstras Bemerkungen waren ebenso potenziell ausschließend gegenüber anwesenden nicht-heterosexuellen Männern, da ihnen die Annahme zugrunde liegt, dass er zu einem Publikum spräche, das Frauen (und nur Frauen) „attraktiv“ findet. Abschließend gibt es das stillschweigende Einverständnis, dass es sich bei „attraktiven“ Frauen um Frauen in cissexuellen Körpern handelt, die dünn und nicht behindert sind und sich in einer bestimmten (engen) Altersspanne befinden. Scheinbar, soweit die Denke, sollten Frauen auf die nicht alle dieser Beschreibungen zutreffen, lieber kein Haskell lernen, da ihre Präsenz das Haskell-Symposium nicht attraktiver (für heterosexuelle Männer) machen würde.

Einer von den Jungs

Für Frauen beim Haskell Symposium könnte Prof. Swierstras Publikum ein Beispiel eines „Grunch“ gewesen sein. Das Geek Feminism Wiki definiert Grunch als einen dieser kleinen Momente, in denen all deine Illusionen, als gleich(wertig) angesehen zu werden, anfangen zu bröckeln. Ein Moment, in dem du dich ernsthaft fragst, ob die Leute dich wirklich als gleich ansehen, oder nur so tun als ob, um höflich zu sein.

Ich habe auf einem anderen Haskell-Event einmal einen Grunch erlebt, der mein Leben verändert hat. Ich war jahrelang eine enthusiastische Haskellprogrammiererin. Ich habe Haskell immer geliebt, weil ich präzise und elegante Programme damit schreiben konnte. Haskell hatte eine bessere Unterstützung für Abstraktion als alle anderen Sprachen, von denen ich wusste und das Konzept mehrerer Abstraktionsebenen war immer eine der Sachen, die mich an Informatik begeistert haben. Da Haskell eine rein funktionale Sprache ist, ist es möglich, über die Programme nachzudenken und aufgrund von Logik und Mathematik vorherzusagen, was sie tun werden. Im Gegensatz dazu stehen Sprachen wie C, wo die Möglichkeit, den impliziten Zustand durch eine einzige Zuweisung zu mutieren bedeutet, dass scheinbar simple Programmierkonstrukte sehr kompliziert werden können.

Ein sekundärer Grund, aus dem ich Haskell mochte, war die Community. Ich habe Haskell in einer sehr ungewöhnlichen Umgebung gelernt: Einem Nachwuchsforschungsprogramm an einer ehemaligen Frauenuniversität, in dem sowohl die (sechs) Studierenden als auch die (zwei) wissenschaftlichen Mentor*innen aus Gendersicht exakt ausgeglichen waren. In diesem Programm habe ich meine Forschung an typbasierter Deforestation (Eliminierung von Baumstrukturen) begonnen, woraus später eine Bachelor- und eine Masterarbeit wurde. Als ich die Internationale Konferenz für Funktionale Programmierung (ICFP) vor meinem Abschluss das erste Mal besuchte, habe ich eine größere Community entdeckt. Ich habe von da an in den meisten Jahren die ICFP besucht und hatte ein paar Tage im Jahr das Gefühl, unter Menschen zu sein, die so wie ich dachten und die mich als Person akzeptierten, die etwas beizutragen hat, egal wie ich aussah. Das Haskell-Symposium (das noch Haskell-Workshop hieß, als ich es 2000 zum ersten mal besuchte) findet üblicherweise parallel zur ICFP am selben Ort statt. Mein zweiter Besuch bei ICFP und Haskell-Workshop in 2002 hat mein Leben verändert: Ich war im zweiten Jahr meiner Promotion an der UC Berkeley, und ein*e Professor*in dort hatte mir gesagt, dass die Forschung an funktionalen Programmiersprachen tot sei. Ich war entmutigt, da ich weiter in dem Bereich arbeiten wollte. Die ICFP zeigte mir nicht nur, dass es immer noch Leute gibt, die sich für das Thema interessieren, sondern auch Orte, an denen ich ebenfalls am Thema arbeiten konnte.

Etwas später lud mich Shae Erisson in den #haskell IRC-Channel auf Freenode ein, wo ich eine Zeit lang regelmäßig unterwegs war. Ich liebte es, wie die Community – sowohl die Leute im IRC-Channel als auch die auf akademischen Konferenzen (und die in der Schnittmenge) – intensive intellektuelle Arbeit mit Humor verband. Es schien weitestgehend egal zu sein, wer du warst, solange du etwas zur Unterhaltung beitragen konntest (oder sogar nur da warst, um zuzuhören und zu lernen). Das war anders als in anderen Teilgebieten der Informatik: In Berkeley zeigte sich im Promotionsprogramm, dass Frauen in manchen Disziplinen, z.B. Systemforschung, häufig nicht gleich behandelt wurden.

Bis 2007 (die meiste Zeit, die ich in der Haskell-Community war) haben mich die meisten Leute als Frau wahrgenommen. Tatsächlich identifizierte ich mich zu der Zeit als genderqueer und bevorzugte genderneutrale Pronomen, aber ich erwähnte das nur selten, da ich das für mich als Einbahnstraße in Richtung sozialer Isolierung sah. Der zündende Moment, der meine Entscheidung mit sich brachte, sozial zu transitionieren und der Welt zu sagen, dass ich ein Mann bin, geschah auf einem Haskell Event. Beim ersten Haskell-Hackathon in Oxford im Januar 2007 war ich die einzige Person (in einer Gruppe von 20 Leuten), die kein Cis-Mann war. Zu diesem Zeitpunkt, wie auch andere Male in der Umgebung funktional Programmierender, fühlte es sich an, als würde ich als „einer von den Jungs“ behandelt. Für mich war das etwas Positives. Generell machen Frauen in technischen Umgebungen oft die Erfahrung, dass sie weniger als Frau gesehen werden, je mehr sie als professionell gleichwertig akzeptiert werden. Wäre ich eine Frau gewesen, hätte ich mich über diesen Trade-Off sicher geärgert. Aber da ich wusste, dass ich keine Frau war, machte es mir nichts aus, dass ich weniger als Frau gesehen wurde, je mehr ich mich als Haskeller zeigte. Es gab keinen Nachteil für mich. Ich erinnere mich, wie ich mich am zweiten Tag des Hackathon umsah und dachte, dass niemand Aufhebens darum machte, dass ich die einzige frauenähnliche Person im Raum war. Es war einfach egal. Ich fand das großartig.

Und dann gingen wir zusammen essen. Als wir Essen bestellten, wollte der Kellner wissen, ob wir uns einen Wein teilen wollen. Alle guckten sich an und wussten nicht, was sie sagen sollten. Da ich ein Entscheidungsvakuum spürte sagte ich „Wir nehmen den Rotwein des Hauses.“ Als der Kellner weg war, meinte ein älterer Typ etwas in Richtung „Überlassen wir es einfach der einzigen Frau hier, eine Entscheidung zu fällen.“ Ich hatte mich vorher bereits über den Typen aufgeregt (der viele Stories von seinem Vater erzählte, der ein berühmter Informatiker war – diese Stories überschatteten alles, was er über seine eigene Arbeit zu sagen hatte), und mit diesen Worten schmetterte er alle meine schönen Illusionen darüber, dass mein Geschlecht gleichgültig sei, in Stücke. Im Flugzeug nach Hause realisierte ich, dass ich Menschen nicht von der Annahme abhalten konnte, mich als Frau zu lesen, aber ich konnte die Art mich zu präsentieren ändern, um klarzustellen, dass ich keine bin. Drei Monate später brachte ich zum Ausdruck, dass ich ein Trans*-Mann bin, und das war die beste Entscheidung, die ich je gemacht hatte. Natürlich habe ich mich nicht wegen Sexismus dafür entschieden, mich als Mann zu präsentieren, nur damit ich männliche Privilegien bekomme – ich war immer ein Mann, und die sexistischen Bemerkungen haben lediglich den Thunk vorangetrieben (Programmierjargon: Eine verzögerte Berechnung zum Ausführen bringen). Mir wurde klar, dass viele Frauen ebenfalls von den stereotypischen Bemerkungen über ihr Geschlecht seitens der Männer  frustriert sind. Ich war aber nicht nur aus diesem Grund frustriert, sondern auch, weil ich keine Frau war.

Der Vorfall auf dem diesjährigen Haskell Symposium hat viele meiner Erinnerungen von 2007 zurückgebracht. Da ich die meiste Zeit in der Haskell Community das Gefühl hatte, dass mein Geschlecht keine Rolle spielt, fand ich den diesjährigen Vorfall besonders enttäuschend.

Soziale Codes, soziale Normen

Hier ist das, was mich wirklich enttäuscht hat: Als ich das Video geschaut habe, hörte ich Gelächter nach Prof. Swierstras Kommentar. Niemand hat ihn auf seine unangebrachte Bemerkung aufmerksam gemacht; die Diskussion ging weiter. Ich mag mich irren, aber für mich klang das nicht nach dem nervösen Lachen von Leuten, die das Gehörte als etwas Schreckliches erkannt haben und nicht wissen was sie tun sollen (wobei ich sicher bin, dass manche Anwesende so reagiert haben). Es klang nach dem Gelächter von Leuten, die einen Witz lustig fanden.

Eine einzige Person, die ihren Mund aufmacht und sagt „Das war sexistisch und das ist hier nicht akzeptiert.“ hätte gereicht. (Diese Person hätte vermutlich ein*e etablierte*r Professor*in  oder Forscher*in sein müssen, jemand mit gleichem Rang wie Prof. Swierstra. Einen etablierten Forscher herausfordern ist nichts, was von Promovierenden erwartet werden sollte.) Aber das hat niemand getan. Und das ist es, was mich wirklich enttäuscht. Leute können Dinge sagen wie das, was Prof. Swierstra sagte, und sozial dafür belohnt werden: Sie bekommen billiges Gelächter. Bemerkungen über die mutmaßliche Attraktivität von Frauen können ein Mitgliedschaftsabzeichen einer hohen Statusgruppe (heterosexueller Männer) sein. Nimm die Belohnung weg, dann verschwinden die Kommentare und Aktionen, die andere ausschließen von selbst.

Naomi Ceder kommentierte, dass es ihrer Erfahrung nach selten ist, dass Männer andere Männer auf Sexismen ansprechen. Ich habe es selbst selten in persönlicher Interaktion gesehen, aber in den Kommentaren auf meinen Blogpost auf Twitter und Reddit (auf die ich zurückkommen werde) wurden tatsächlich einige Männer von anderen in ihre Schranken gewiesen, nachdem sie Swierstra für seine sexistische Bemerkung und das Publikum fürs Lachen verteidigten. Mich ermutigen diese Kommentare, aber es ist dennoch traurig, dass  Frauen* nicht ernstgenommen werden, wenn sie Sexismus anprangern, während Männern* durch soziale Normen Objektivität zugebilligt wird.

Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, die alle Subkulturen in ihrem Inneren betrifft bis auf die, in denen Leute aktiv die Normen untergraben, die Sexismus begünstigen. Aber ich hatte gedacht, die Leute, die zum Haskell-Symposium gehen seien eine umsichtigere Gruppe als die Basis, selbst wenn es eine überwältigende männliche Mehrheit gibt. Ich habe mehr von ihnen erwartet als Objektifizierung von Frauen, und mehr Reaktion als Mitlachen. Früher hatte ich das Gefühl, zur Community dazuzugehören. Aber jetzt weiß ich nicht, ob ich zurückgehen könnte, selbst wenn ich das wollte. Als jemand, der nun normalerweise als Cis-Mann wahrgenommen wird, könnte ich einen Einfluss ausüben, ich könnte mein männliches Privileg zu Gutem nutzen. Aber ich möchte kein Teil einer Community sein, die es akzeptabel findet zu sagen, dass Frauen die „Attraktivität“ eines professionellen Treffens steigern.

Rückschläge (Backlash)

In einer früheren Version des Posts habe ich auf den Haskell Subreddit (/r/haskell) verlinkt. Da die Redditkommentare kein Safespace für Menschen aus marginalisierten Gruppen ist, und es wenig bis keine Moderation gibt, gab es viele Kommentare, die aus einem Handbuch zu Derailing und Silencing stammen könnten (inklusive r*pe-Verharmlosung). Es gab auch einige Kommentare, die ich positiv fand, in denen Männer andere Männer dazu ermutigten, sich zu bilden und sich Erfahrungen von Menschen, die keine Cis-Männer sind, anzuhören. Mit diesen Warnungen im Hinterkopf kannst du die Reddit-Kommentare lesen.

Ich glaube nicht, dass ich jemals zuvor etwas geschrieben habe, das es über 250 Kommentare auf Reddit brachte. Im Zweifelsfall bedeutet diese Zahl zumindest, dass Sexismus ein Thema ist, das der Haskell-Community wichtig ist. Wenn ich so über Sexismus schreibe, dass es die Aufmerksamkeit von technisch begeisterten Menschen erregt, mache ich mir immer Sorgen, langweilig zu sein. Langweilig ist das Schlimmste, was du in einer technischen Umgebung sein kannst; vor meinem inneren Auge sehe ich den stereotypen Nerd, der sagt, dass die Gefühle anderer Menschen nie auch nur annähernd so interessant sein können wie mathematische Abstraktion. Aber offensichtlich war mein Beitrag für die Leute, die auf /r/haskell kommentierten, nicht langweilig. Obwohl sie viele andere Beiträge zur Auswahl hatten, die alle mehr technische Inhalte hatten, haben sie sich dazu entschieden, meinen Beitrag zu diskutieren.

Es ist auch sehr ermutigend, dass ein paar bekannte und respektierte Männer aus der Haskell-Community – Conor McBride, ein Informatikprofesssor der für die Epigram-Programmiersprache bekannt ist und legendäre Forschungsvorträge hält, und Bryan O’Sullivan, ein Co-Autor von Real World Haskell – antisexistische Kommentare schrieben und dafür positives Feedback (upvotes) ernteten. Im Gegensatz dazu ist nach meinem Wissen keiner der Männer, die unverhohlen sexistische Dinge schrieben, in der Community bekannt oder respektiert.

Trotz allem gab es viele Kommentare, die ich entmutigend fand. Viele Muster in den Kommentaren waren altbekannt, und in der Tat kamen viele der Motive vor, über die ich in „A Problem With Equality“ schrieb. Einige andere Muster sind bemerkenswert. Eines ist die Ignoranz gegenüber der Arbeit, die eine Frau damit hat, mit dem scheinbar endlosen Bombardement an sexistischen Bemerkungen klar zu kommen, die zwar jede für sich genommen „nicht so schlimm“ ist, aber gesammelt Stress und Verzweiflung mit sich bringen. Viele Kommentare auf Reddit beinhalten „du bist zu sensibel“. Oder dass Zuhörer*innen verstehen sollen, dass Leute wie Prof. Swierstra niemals Frauen aus der Haskell-Community ausschließen wollen würde, und dass auch niemand anders im Raum das wolle. Es wird einfach postuliert, dass es die Aufgabe der marginalisierten Gruppe (Frauen) sei, Aussagen im Zweifel für den Angeklagten auszulegen, statt dass es die Aufgabe der Männer sei, eine inklusive Umgebung bereitzustellen. Das ist ein Beispiel, wie Macht und Privilegien emotionale Arbeit auf diejenigen abwälzen, die bereits am stärksten belastet sind. In einer patriarchischen Gesellschaft fällt emotionale Arbeit tendenziell Frauen zu, und diese Situation ist keine Ausnahme. Es ist anstrengend, eine Umgebung zu ignorieren, in der du überall zu spüren kriegst, dass du nicht dazugehörst. Es ist Aufwand, die kognitive Dissonanz, dass Menschen eine Sache sagen aber eine andere Sache tun, unter einen Hut zu bringen. Wenn also ein Typ sagt „sieh darüber hinweg“, und „sei nicht so sensibel“, dann verlangt er im Klartext, dass Frauen (oder andere ohne Cis- oder männliche Privilegien) seine Arbeit für ihn machen.

In einem Reddit-Kommentar wurde ein Typ als „creepy“ bezeichnet; seine Antwort war, dass alle, die seine Kommentare lesen, annehmen sollen, dass es nicht seine Intention ist, creepy zu sein. Das ist ein Beispiel für den dreisten Anspruch, dass andere die eigene emotionale Arbeit machen sollen: Er sagt, dass er nicht daran arbeiten will, nicht creepy zu klingen (oder sich selbst zu bilden, damit er uncreepy kommunizieren kann). Statt dass eine Person einfach uncreepy schreibt, verlangt er, dass jede Person, die seine Sachen liest, ihren „Creepiness“ Alarm ausschaltet und sich die Arbeit macht, eine uncreepy Interpretation zu finden.

Eine andere Frage, die es wert ist, expliziter betrachtet zu werden ist „Mit wem identifizierst du dich?“ Beim Lesen von Berichten über Bemerkungen wie die von Prof. Swierstra hast du zwei Optionen: Du kannst dich entweder mit Prof. Swierstra identifizieren und dich daran stören, dass seine Worte als sexistisch bezeichnet werden. Oder du identifizierst dich mit Frauen und anderen Menschen, die durch solche Bemerkungen ausgeschlossen und verletzt werden. (Natürlich hast du auch noch die Möglichkeit, beide Perspektiven zu betrachten und gegeneinander aufzuwiegen.) In den negativen Kommentaren auf Reddit haben sich die Männer überwiegend mit Prof. Swierstra identifiziert, da sie sich selbst als Leute sehen, denen es auch passieren könnte, unbeabsichtigt soetwas zu sagen und dafür kritisiert zu werden. Sie sahen sich nicht als Leute, die sich potenziell nicht als Teil der Community fühlen könnten, da sie ein bedingungsloses Zugehörigkeitsgefühl empfinden.

Das führte dazu, dass sie versuchten, die Diskussion weg von ausgeschlossenen Frauen und hin zu den Gefühlen von Männern zu führen, deren sexistische Bemerkungen als solche hervorgehoben werden. Daraus kann ich nur schließen, dass es diesen Typen nicht wert ist, Empathie für Frauen zu empfinden, oder sich einen Moment Zeit zu nehmen, sich in Frauen hineinzuversetzen. Für mich wirft das die Frage auf, warum es ihnen den Aufwand nicht wert ist, wenn sie doch von Frauen die Empathie erwarten, ihre Aktionen im Zweifelsfall als wohlwollend zu interpretieren. Wenn jemand von dir erwartet an einer so ungleichen Beziehung teilzunehmen, in der seine Gefühle wichtig sind aber deine nicht, dann ist es nicht glaubwürdig, dass er dich für eine gleichrangige professionelle Kollegin oder auch nur einen gleichwertigen Menschen hält.

Es ist gewissermaßen schon ironisch: Männer wie die genannten Reddit-Kommentatoren reagieren extrem sensibel auf Sexismusvorwürfe (selbst wenn sie sich an andere richten!), erwarten aber gleichzeitig, dass Frauen lernen „mal weniger sensibel zu sein“. Ein Kommentator ging sogar so weit von mir zu verlangen, dass ich mich bei Prof. Swierstra entschuldige. Ich weiß nicht so recht, wofür ich mich überhaupt entschuldigen würde. (Zu reagieren? Eine Perspektive zu haben, die nicht mit der von Cis-Heteromännern übereinstimmt?) Da wir keine Ahnung haben, was Prof. Swierstra selbst von meinem Beitrag denkt (vielleicht dachte er ja „Oh ja, das war falsch, was habe ich mir nur dabei gedacht?“), ist es schon extrem sensibel wenn ein anderer Typ einschreitet und für ihn eine Entschuldigung für die Kritik an einer Idee einfordert.

Betroffenheitstrollen ist ein problematisches Kommunikationsmuster, das auch im Reddit-Thread passierte. Für mich war folgender Kommentar ein gutes Beispiel:

Es gibt erschreckend viele Leute, die es für unnütze, selbstgerechte Political Correctness halten, soziale Normen bezüglich körperlichem und sozialem Geschlecht ändern zu wollen. Du solltest ihnen nicht auch noch Munition liefern – Redditnutzer gcross

Als ich diesen Kommentar las, habe ich mich schon gewundert, ob der Kommentator nun Teil dieser „erschreckend vielen Leute“ ist oder nicht. Betroffenheitstrollen kann eine hinterhältige Möglichkeit sein, sensible Angelegenheiten zu diskutieren, denn sie erlaubt es Leuten, Ideen zur Debatte beizutragen ohne dafür Verantwortung zu übernehmen. Es ist eine unfaire Art zu diskutieren, da die Person ihre wirklichen Ansichten verschleiert und das Risiko und die Verletzlichkeit verweigert, die das Äußern der eigenen Meinung mit sich bringt. Es ist immer einfach, Verantwortung für das eigene Denken und Verhalten mit der Begründung von sich zu weisen, dass jemand anders sich vielleicht nicht ändern will. Aber die einzige Person, für die du verantwortlich bist, bist du selbst. Und Betroffenheitstrollen stielt Aufmerksamkeit. Es kostet die Menschen in der marginalisierten Gruppe Zeit und Energie, die sie anderweitig einsetzen könnten (da sie nun mit imaginären Leuten diskutieren müssen). Es kostet auch den Troll, der sich als Verbündeter (Ally) darstellt, Zeit, die er dafür verwenden könnte, ignorante Menschen zu bilden statt der marginalisierten Gruppe zu sagen, wie sie ihren Aktivismus leben sollten. Es hat mich sehr enttäuscht, diese Art Manipulation und Heuchelei aus den Reihen der Haskell-Community zu sehen.

Abschließend gibt es noch das Thema Absicht. Ich finde es außerordentlich seltsam, dass Menschen, die sich einer Programmiersprache mit einem sehr ausdrucksstarken statischen Typensystem widmen – einem, das existiert, damit Programmierende ihre Absicht sehr, sehr klar machen können – etwas, das bestenfalls schludrige Kommunikation ist mit einem Verweis auf Absicht rechtfertigen. Der Sinn eines ausdrucksstarken Typensystems ist es, dass die Absicht von Programmierenden nicht unpräzisiert in ihrem Gehirn verweilen muss, sondern sie ihre Absicht im Programm zum Ausdruck bringen können. Wenn sie einmal niedergeschrieben ist, kann der Compiler die Annahmen prüfen und der Code wird für andere leichter verständlich. In Haskell wird dies durch ein reiches Typensystem bereitgestellt.

Wenn du Haskellcode schreibst, wird der Typenprüfer oft dein Programm ablehnen. Erfahrene Programmierende wissen, dass es nicht viel bringt, den Computer anzuschreien und ihm zu sagen, dass du doch wirklich ein wohltypisiertes Programm schreiben wolltest (du kannst das natürlich tun, aber der Computer wird dir nicht zuhören). Stattdessen gucken sie sich die Fehlermeldungen an und ändern ihre Programme dahingehend, dass der Typenprüfer sie akzeptieren wird. Genau wie Compilerfehlermeldungen nicht immer klar sind, können Betroffene bei einer verletzenden Aussage nicht immer verständliches Feedback geben, was genau du in Zukunft anders sagen sollst. Fehlermeldungen zu verstehen benötigt Aufwand und Lernbereitschaft. Das gilt auch, wenn du Menschen verstehen willst, die Erfahrungen gemacht haben, die du nicht teilst. Die Analogie ist nicht perfekt; Menschen sind kein Code und Compiler sind nicht verletzt oder wütend, wenn du ihnen fehlformatierte Eingaben gibst (auch wenn sich ihre Fehlermeldungen manchmal so lesen). Ich finde, wenn deine Absicht gut ist, ist sie es auch wert, dass du dich klar ausdrückst damit auch andere das erkennen. Genau wie du von einem Compiler nicht erwartest, das er Unfug in das Programm das du schreiben wolltest umformt, solltest du auch nicht von anderen Menschen erwarten, dass sie sich die Arbeit machen, deine Absicht herauszufinden.

Aufschreien

Was Frauen aus der Haskell Community fernhält sind nicht so sehr Kommentare wie der von Prof. Swierstra, sondern vielmehr der Unwille der Männer in der Community, etwas zu sagen. Nicht eine einzige Person im Publikum hat den Mund aufgemacht. Die meisten Männer würden sicher nicht in der Öffentlichkeit sagen, dass Frauen in die Community kommen sollen, weil sie attraktiv sind. Sie scheinen sich machtlos zu fühlen, etwas am Status Quo zu verändern, dabei haben sie doch Macht: Sie können den Männern, die solche Kommentare von sich geben, klarmachen, dass Sexismus nicht okay ist. Frauen können nicht immer diese Arbeit machen. Das wäre nicht nur unfair, sondern sie würden nicht so ernst genommen und ihre Karrieren würden mehr darunter leiden. Wie viel ein Mann sich leisten kann hängt von seinem sozialen Status ab. Es wäre Unfug von einem Studenten zu erwarten, z.B. seinen eigenen Betreuer zu kritisieren, wenn ihm das eine Kündigung einhandeln würde. (Ich hab das mal gemacht und wurde deswegen aus der Graduiertenschule geschmissen, aber ich erwarte nicht, dass jeder dieses Opfer bringt.) Dennoch scheint es sinnvoll zu erwarten, dass Studenten andere Studierende auf Sexismus aufmerkssam machen, und nach einiger Zeit werden die Studenten älter, kommen in Positionen mit mehr Macht und erhalten das Privileg, besser sichtbar mit gutem Beispiel voranzugehen.

Es gibt einiges an Resourcen für Allies, die helfen können. Einige Antworten, die in der Situation geholfen hätten wären: „Ich finde nicht, dass das so lustig klang, wie du es gemeint hast“, „Wieso glaubst du, dass es okay ist, hier sowas zu sagen?“, „Wie bitte?“, „Tut mir leid, ich verstehe nicht, was du meinst. Kannst du es mir erklären?“ oder (vom Moderator) „Ok, das wars.“ und „Das war sexistisch, und so etwas akzeptieren wir hier nicht.“ Natürlich gibt es noch viele andere Möglichkeiten. Das wichtigste, was Männer als Allies machen können ist, Frauen* zuzuhören.

Gegen Sexismus vorzugehen braucht Mut und moralisches Durchhaltevermögen. Es ist Arbeit, die vor Allem von Männern gemacht werden muss, da Männer, die stillschweigend annehmen, dass Frauen nicht so ganz Menschen sind, sich deren Meinung wohl kaum anhören werden. Eine Voraussetzung für Männer, die diese Arbeit machen ist der Glaube, dass Frauen in ihre Community hineingehören, dass sie mehr als nur attraktive Körper sind, sondern auch inhaltlich zur Community beitragen. Ich hoffe, dass die Haskell-Community mehr Männer anzieht, die diesen Mut haben und an diese Prinzipien glauben, ob ihre Anwesenheit die Community nun attraktiver macht oder nicht. 

1 Kommentar

  • Eine trans Person sagt:

    Der Autor des Originaltexts ist sehr sorgfältig damit, sich nie selbst als Frau zu bezeichnen, auch nicht vor seiner sozialen Transition. Ich finde es deshalb unangebracht, dass sie ihm in der Übersetzung die Worte „Ich war jahrelang eine enthusiastische Haskellprogrammiererin“ [Hervorhebung durch mich] in den Mund legen.

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