Haben Frauen keine „weiblichen Privilegien“?

Was als „weibliche Privilegien“ bezeichnet wird, ist oft Ausdruck von wohlmeinendem Sexismus (z.B. aufgehaltene Türen). Marginalisierte Gruppen innerhalb eines bestehenden ungleichen Herrschaftsverhältnisses sind nicht privilegiert.


Die kurze Antwort: Nein. Das, was gemeinhin als „weibliche Privilegien“ bezeichnet wird, lässt sich besser als „wohlwollenden Sexismus“ bezeichnen. Systeme wie die Wehrpflicht scheinen zunächst von Vorteil für Frauen zu sein, genauer betrachtet verstärken sie aber die sexistischen Institutionen, die sowohl Männer als auch Frauen an wirklicher Gleichberechtigung hindern. Außerdem sollte angemerkt werden, dass es nicht zwangsläufig den Gegenpart des „weiblichen Privilegs“ geben muss, nur weil ein männliches Privileg existiert. Das liegt daran, dass, obwohl es in den letzten Jahren einige Fortschritte hin zur Gleichberechtigung gab, Frauen als Klasse noch immer nicht das Spielfeld geebnet haben. Weitaus weniger Frauen sitzen in den Machtpositionen der Institutionen, die Männern als Klasse ihre Macht geben.

Warum „weibliche Privilegien“ besser „wohlwollender Sexismus“ genannt werden

Während FeministInnen zustimmen, dass Praktiken die gemeinhin „weibliche Privilegien“ (beispielsweise dass Frauen Empfängerinnen von ‚ritterlichem‘ Verhalten sind) genannt werden, Ausdruck der Ungleichheit sind, stimmen sie nicht zu, dass solche Praktiken als eine Form von institutionalisiertem Privileg angesehen werden sollten. Dafür belohnt zu werden, nicht gegen den Status Quo vorzugehen und ein Empfänger von institutionellen Privilegien zu sein, ist nicht das Gleiche. Das System der Privilegien nutzt diese Art von Belohnungen, um sich selbst aufrecht zu erhalten, aber die Existenz der Belohnung ist kein Beweis dafür, dass es selbst ein Privileg ist. Stattdessen benutzen sie den Begriff „wohlwollender Sexismus“ um die Praktiken zu beschreiben, da der Begriff sie in den größeren Kontext der sexistischen Traditionen und des Status Quo einbindet.

Bedenke:

Es ist nicht nur subjektiv vorteilhaft, in seiner Charakterisierung von Frauen, es verspricht auch, dass die Macht der Männer zum Vorteil der Frauen genutzt wird, wenn sie sich einen männlichen Beschützer mit hohem Status sichern können.

– Glick and Fiske (Februar 2001).

Ohne Kontext könnte gedacht werden, es ginge um „weibliche Privilegien“, aber tatsächlich ist es eine Erklärung, warum wohlwollender Sexismus von Frauen so leicht akzeptiert wird. Wären das die einzigen wirkenden Faktoren, dann wäre es wohl Haarspalterei, „weibliche Privilegien“ als wohlwollenden Sexismus zu bezeichnen. Aber der Grund dafür, dass wohlwollender Sexismus funktioniert und „weibliche Privilegien“ nicht, liegt daran, dass es das dahinterliegende System besser identifiziert.

Um zu verstehen, warum der Begriff „weibliches Privileg“ die Wurzel des Problems verschleiert, ist es wichtig zwischen verschiedenen Konzepten zu unterscheiden, die „weibliche“ und männliche Privilegien ausmachen. Größtenteils erfahren Frauen Begünstigungen aus _ritterlichem_ Glauben, die häufig als „weibliche Privilegien“ angekreidet werden, so wie Männer Vorteile aus dem System der männlichen Privilegien erlangen. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass der Status Quo für die Männer ihnen Status und Macht gewährt, sowohl in öffentlichen als auch privaten Räumen, wohingegen der Status Quo für Frauen einer ist, der ihre Macht auf den deutlich kleineren, eingegrenzteren häuslichen Bereich limitiert .

Anders gesagt:

Eagly und Mladinic (1993) wiesen darauf hin, dass die vorteilhaften, gemeinschaftlichen Merkmale, die Frauen zugeschrieben werden (z.B. fürsorglich, hilfsbereit) zu ihrer häuslichen Rolle passen, wohingegen bei Männern angenommen wird, dass sie über die Merkmale verfügen, die mit den Kompetenzen für eine höhere Stellung (z.B. unabhängig, ambitioniert, konkurrenzfähig) verbunden sind. Die stereotypen gemeinschaftlichen Attribute, die Frauen zugeschrieben werden, sind ebenfalls Merkmale die, wenn sie im täglichen Umgang übernommen werden, eine Person in eine untergeordnete, weniger starke Position bringen. (Ridgeway, 1992). So können die positiven Charakterzüge, die Frauen zugeschrieben werden, den niedrigeren Status noch verstärken.

– Glick and Fiske (February 2001).

Wenn wir diesen Unterschied erkennen und zulassen, dass die problematischen Praktiken in Rahmen des Sexismus bekämpft werden, werden sie Teil eines größeren Diskurses zur Beseitigung sexistischen Glaubens und Praktiken aus unserer kulturellen Landschaft. Und es gibt tatsächlich Hinweise, die zeigen, dass dieser Ansatz sehr effektiv ist. Es scheint eine direkte Verbindung zwischen der Verringerung von feindseligem Sexismus und der Verringerung des Glaubens von Frauen in sowie die Benutzung von wohlwollendem Sexismus zu geben.

Eine weitere Erklärung dafür, dass Frauen wohlwollenden Sexismus (vgl internalisierter Sexismus) akzeptieren ist, dass es eine Form des Selbstschutzes als Entgegnung auf den männlichen Sexismus ist. Smuts (1996) argumentiert, dass Paarbindung zwischen Menschen, zumindest teilweise, eine evolutionäre Reaktion der Frau auf die Bedrohung durch sexuelle Gewalt ist (weil der männliche Partner in einer Beziehung Schutz vor anderen Männern bietet). Wohlwollenden Sexismus zu billigen kann ein Weg der Bewältigung für Frauen sein, wenn die Männer in einer Kultur dazu neigen, feindliche Sexisten zu sein (Jackman, 1994). Die Ironie liegt darin, dass Frauen gezwungen sind Schutz bei den Mitgliedern eben der Gruppe zu suchen, die sie bedroht. Und je größer die Bedrohung, desto größer ist Anreiz die schützende Ideologie des wohlwollenden Sexismus zu akzeptieren. Das erklärt die Tendenz von Frauen, in sexistischen Kreisen wohlwollenden Sexismus stärker zu bekräftigen als Männer. In Ländern, in denen Frauen (im Vergleich zu Männern) wohlwollenden Sexismus ebenso strikt ablehnen, wie feindlichen Sexismus, waren diejenigen, mit statistisch geringem feindlichem männlichen Sexismus. Wenn der feindliche Sexismus reduziert wird, können Frauen sich fähig fühlen, den wohlwollenden Sexismus ohne Angst vor einer feindlichen Reaktion zurückzuweisen.

– Peter Glick, Susan Fiske (American Psychologist Volume 56(2), February 2001, p 109–118): „An Ambivalent Alliance: Hostile and Benevolent Sexism as Complementary Justifications for Gender Inequality“.

Einfacher ausgedrückt:

Ich denke dass einige der Probleme, denen sich Männer gegenüber sehen – einige der Dinge über die Leute wie Burton sich beschweren und die sie als Beispiele für weibliche Privilegie gegenüber Männern ansehen – sind direkte Resultate der Schwächen des patriarchen Systems. Es ist nicht so, dass Frauen mehr Macht als Männer haben, das Patriachat ist ein grundlegend fehlerhaftes System, das Standards setzt, die für jeden schädlich sind. Es ist ein zweiseitiges Schwert. So wie sich die Attitüden verändert und FeministInnen geholfen haben, Teile des Systems abzubauen das Frauen davon abgehalten hat, ihr volles Potential zu entfalten, so finden Männer heraus, dass (oh Schreck) es einige ernsthafte Probleme mit der Art gibt, wie die Dinge laufen.

– Roy (No Cookies For Me): This post really is About the Menz….

Um den Punkt dieses Absatzes zusammenzufassen: Wenn es wohlwollender Sexismus genannt wird, wird es als Teil des Systems des Sexismus wahrgenommen und kann dadurch (erfolgreich) mit Mitteln wie Feminismus bekämpft werden, wohingegen es unter der Benennung als „weibliche Privilegien“ den Status Quo stärkt, was es letztendlich schwieriger macht, die verletzenden Praktiken zu beenden.

Quellen / Weiterführendes

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