Rape Culture

Rapeculture sind die unzähligen Arten auf die Vergewaltigung stillschweigend und offenkundig begünstigt und angespornt wird, dass sie unsere Kultur bis in die hinterste Ecke so durchdrungen hat. So sehr, dass die Menschen nicht einmal ohne Weiteres erfassen können, was Vergewaltigungskultur wirklich ist.


Regelmäßig kommt die Frage nach einer Definition des Begriffes „Vergewaltigungskultur“ auf. Der englische Wikipedia-Eintrag zur Vergewaltigungskultur ist schon ziemlich gut ist (in der deutschen jedoch leider noch nicht), und mir gefällt die Definition in „Transforming a Rape Culture„.

[trigger warning=“bildliche Beschreibung von Vergewaltigung, Rape Culture“]

Was ist Rapeculture?

Eine Rapeculture ist ein Glaubenssystem, dass männliche, sexuelle Aggression fördert und Gewalt gegen Frauen unterstützt. In einer solchen Gesellschaft wird Gewalt als „sexy“ angesehen, und Sexualität als gewalttätig. In einer Vergewaltigungskultur erleben Frauen eine Dauerschleife von angedrohter Gewalt, die von sexuellen Anspielungen bis hin zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigung selbst reicht. Eine Vergewaltigungskultur dulded physischen und emotionalen Terrorismus gegen Frauen als die Norm.

In einer Rapeculture nehmen Männer und Frauen sexuelle Gewalt als gegeben an – wie der Tod und Steuern unvermeidbar. Diese Gewalt ist aber weder biologisch noch göttlich gegebn. Vieles von dem, was wir als unausweichlich akzeptieren sind eigentlich Ansichten und Einstellungen, die veränderbar sind.

Meine Gesprächspartnerinnen jedoch – egal ob blutige Anfängerinnen, die gerade zum Feminismus gekommen sind, fortgeschrittene Feministinnen, die nach Quellen suchen, oder Ungläubige die die Existenz der Vergewaltigungskultur abstreiten – suchen wohl immer nach etwas Umfangreicherem, das weniger abstrakt ist: Was *ist Rapeculture? Wo sind ihre Grenzen? Wie sieht sie aus, wie klingt sie und wie fühlt sie sich an?

Sie suchen nach keiner Definition; eher nach einer Beschreibung. Etwas Greifbares, dass man in all seiner hässlichen, bedrohlichen Groteske anfassen kann.

Rapeculture ermutigt männliche sexuelle Aggression. Rapeculture betrachtet Gewalt als sexy und Sexualität als gewalttätig. Rapeculture sieht Vergewaltigungen als Kompliment. Eine ungezügelte Leidenschaft, die in einem gesunden Mann von einer schönen Frau aufgerührt wird, den Trieb unwiderstehlich werden lässt, ihr das Mieder vom Leib zu reissen oder sie gegen die Wand zu schlagen, oder einen Maschendrahtzaun, die Motorhaube, sie an den Haaren zu ziehen, sie aufs Bett zu werfen, oder eines der Millionen anderer Bilder von Fickkämpfen aus Filmen, Sendungen oder Titeln von Kitschromanen die vermitteln, gewalttätige Bedürfnisse wären mit (Hetero-)Sexualität verknüpft.

Rapeculture sind Vergewaltigungen, die in Filmen, Fernsehserien, Büchern und Videospielen zur Unterhaltung benutzt werden.

Rapeculture behandelt Heterosexualität als die Norm. Rapeculture definiert abweichende Sexualität als nonkonsentuale Sexpraktiken wie Pädophilie oder Sodomie. Rapeculture privilegiert Heterosexualität. (gekürzt)

Vergewaltigungskultur wird als Waffe benutzt, eine Maschine des Krieges des Genozides und der Unterdrückung. Vergewaltigungskultur wird als Korrektiv benutzt, um homosexuelle Frauen zu „heilen“. Vergewaltigungskultur ist eine militarisierte Kultur und „das natürliche Produkt aller Kriege, überall, jederzeit, in jeder Form.“

Rapeculture bedeutet dass einer von 33 Männern in seinem Leben einmal sexuell Übergriffen ausgesetzt war. Vergewaltigungskultur ermutigt Männer, die „Sprache der Vergewaltigung“ zu benutzen, um Dominanz auf andere Männer auszuüben („Du bist meine Schlampe“). Rapeculture macht Vergewaltigung zu einem allgegenwärtigen Teil männlicher Verbindungen. Rapeculture ignoriert die Notwendigkeit einer Gefängnisreform, weil die Bedrohung im Gefängnis vergewaltigt zu werden als akzeptable Abschreckung anerkannt, und die Drohung nur wirkt wenn tatsächlich ein Mann vergewaltigt wird.

Rapeculture bedeutet, dass eine von 6 Frauen in ihrem Leben einmal sexuell angegriffen wurde. Rapeculture redet nicht über den Fakt dass viele Frauen mehrmals in ihrem Leben sexuell angegriffen werden. Rapeculture ist die Art in der die konstante Bedrohung sexuell angegangen zu werden das tägliche Leben von Frauenbeeinflusst.Rapeculture erzählt Mädchen und Frauen, vorsichtig zu sein bei dem, was sie anziehen, wie sie es tragen, wie man sich gibt, wo man läuft, wann man dort läuft, mit wem man läuft, wem man vertraut, was man tut, wo man es tut, mit wem man es tut, was man trinkt, wieviel man trinkt, ob man Augenkontakt herstellt, ob man allein ist, ob man mit einem Fremden zusammen ist, ob man in einer Gruppe ist, ob man in einer Gruppe Fremder ist, ob es dunkel ist, ob die Gegend unbekannt ist, ob man etwas trägt, wie man es trägt, welchen Schmuck man anhat, wie spät es ist, welche Strasse es ist, welche Umgebung, mit wievielen Leuten man schläft, mit welchen Leuten man schläft, wer deine Freunde sind, wem man seine Nummer gibt, wer in der Nähe ist wenn der Lieferbote kommt, sich eine Wohnung zu nehmen in der man sehen kann, wer kommt bevor sie einen selbst sehen, nachzusehen, bevor man dem Lieferboten die Tür öffnet, einen Hund zu haben oder ein Gerät das Hundebellen von sich gibt, einen Mitbewohner zu haben, Selbstverteidigung zu lernen, immer alarmiert zu sein, immer aufzupassen, immer zu wissen, was hinter einem passiert, immer der Umgebung bewusst sein und nie für einen Moment die Schutzschilde runterzulassen, da man sonst sexuelle Übergriffe erfährt und selbst Schuld war, wenn man nicht alle Regeln befolgt hat.

Rapeculture ist das Beschuldigen des Opfers. Rapeculture ist, wenn ein Richter einem Kind die Schuld an der eigenen Vergewaltigung gibt. Rapeculture ist, wenn ein Pfarrer seine eigenen minderjährigen Opfer beschuldigt. Rapeculture ist, wenn eingeworfen wird, es würde dem Kind doch gefallen, als Geisel genommen, vergewaltigt und gefoltert zu werden. Vergewaltigungskultur ist wenn ein gewaltiger Zeitaufwand betrieben wird, um einen Grund dafür zu finden, dem Opfer die Schuld an der eigenen Vergewaltigung zu geben.

Rapeculture legt Opfern die Bürde auf, Vergewaltigungen zu verhindern. Rapeculture ermutigt Frauen, Selbstverteidigung zu lernen, als wäre es es die einzige Lösung Vergewaltigungen zu verhinden. Vergewaltigungskultur ermahnt Frauen „gesunden Menschenverstand einzusetzen“, oder „verantwortungsvoller zu sein„, oder „die ‚Stammtisch-Risiken‘ zu erkennen“, oder „gewisse Orte zu meiden“, oder „sich nicht so anzuziehen„, und versäumt, Männern klar zu machen, nicht zu vergewaltigen.

Rapeculture ist, „nichts“ als häufigste Antwort auf die Frage zu erhalten was man über Vergewaltigung beigebracht bekommen hat. Rapeculture ist ,wenn Jungs unter 10 Jahren wissen, wie man vergewaltigt.

Rapeculture ist die Idee, dass nur bestimmte Leute vergewaltigen – und nur bestimmte Leute vergewaltigt werden. Rapeculture ignoriert, dass das Ding mit den Vergewaltigern ist, dass sie Leute vergewaltigen. Sie vergewalten Menschen, die stark und Menschen die schwach sind. Menschen, die klug und Menschen die dumm sind. Menschen, die sich wehren und Menschen, die aufgeben damit es schneller vorbei geht. Menschen, die „Schlampen“ und Menschen die „prüde“ sind, Menschen, die reich und Menschen die arm sind, Menschen die groß und Menschen die klein sind, Menschen die dick und Menschen die dünn sind, Menschen die blind sind und Menschen die sehen können, Menschen die taub sind und Menschen die hören können, Menschen jeder Hautfarbe, Form, Größe, Qualifikation und Sachlage.

Rapeculture erzählt, dass Sexarbeiter*innen nicht vergewaltigt werden können. Rapeculture ist die Annahme. dass Ehefrauen nicht vergewaltigt werden können. (Anm: In Deutschland waren ab 1997 Vergewaltigung auch in der Ehe strafbar, wurden aber nur auf Antrag verfolgt.)

Rapeculture weigert sich, anzuerkennen, dass das Einzige, was die Opfer jedes Vergewaltigers gemeinsam haben, verdammt großes Pech ist. Rapeculture weigert sich, anzuerkennen, dass das Einzige was eine Person tun kann, um eine Vergewaltigung zu verhinden, ist nie im selben Raum wie der Vergewaltiger zu sein. Rapeculture vermeidet es, darüber zu reden was für eine absurd unsinnige Erwartung das ist, da Vergewaltiger sich nicht ankündigen, Schilder tragen oder lila leuchten.

Rapeculture ist der Beschluss, dass eine Frau ihren Konsens nicht zurücknehmen kann, sobald der Sex angefangen hat.

Rapeculture ist die allgemeine Annahme, es gäbe unterschiedliche Arten von Vergewaltigern: Der „normale“ Vergewaltiger (dessen Verbrechen sehr wahrscheinlich mit einem „Jungs sind halt Jungs“ fallengelassen werden) ist der Mann, der sich attraktiven Frauen aufzwingt, Frauen seines Alters bei guter Gesundheit, dessen Verbrechen auf verstörende Art von seinen männlichen Verteidigern als verständlich angesehen werden. Die „echt Kranken“ sind die Männer, die nach Kindern, alten Frauen, Behinderten, Unfallopfern im Koma her sind – diejenigen, die sich nicht wehren können, bei denen Vergewaltigung als „pikant“ gilt. Anders als bei der Vergewaltigung „hübscher Mädchen“, die man einfach als Fickkampf-Fantasie voller Quietschen und Winden und eventuell als Kompliment für das Mädchen vergewaltigt worden zu sein abtun kann.

Rapeculture ist das Bild der Vergewaltigung durch Wildfremde, obwohl die Täter zu 29 % aus dem Bekanntenkreis kommen, in 27 % der Fälle Vater, Stiefvater, sonstiger naher Verwandter und in 10% der (Ex-)Partner sind.

Rapeculture ist, wenn Menschen die dich beschützen sollen dich vergewaltigen-wie ElternLehrerÄrztePfarrerPolizisten, SoldatenSelbstverteidigungstrainer.Rapeculture ist, wenn ein Serienvergewaltiger Beigeordneter eines Bundesforums wird, dass über Gesundheit von Frauen entscheiden soll.

Rapeculture ist es, wenn ein verurteilter Vergewaltiger in Cannes Standing Ovations bekommt.

Rapeculture ist die verbreitete Erzählung, dass es eine „typische“ Art gibt, wie sich nach einer Vergewaltigung zu verhalten ist, anstatt zu verstehen, dass die entsprechenden Reaktionen auf eine Vergewaltigung so verschieden sind wie die Opfer.

Rapeculture ist die verbreitete Geschichte, dass Vergewaltigungsopfern, die ihre Vergewaltigung anzeigen, bereitwillig geglaubt wird und sie die nötige Unterstützung erhalten, anstatt einzugestehen, dass die Anzeige einer Vergewaltigung eine große persönliche Belastung ist, ein schwieriger Prozess der peinlich, beschämend, verletzend, frustrieren und allzuoft erfolglos ist. Rapeculture is, zu ignorieren, dass es wenig Antrieb gibt, eine Vergewaltigung anzuzeigen – eine fürchterliche Erfahrung mit nur einer geringen Aussicht auf angemessene Rechtsprechung.

Rapeculture ist es, wenn Krankenhäusern keine Ausstattung für Vergewaltigungen benötigen, Polizeibehörden ungläubig sind, Staatsanwälte unmotiviert, Richter ablehnend, die Jury das Opfer beschuldigt und Urteile niedrig ausfallen.

Rapeculture ist die Stille um Vergewaltigung im öffentlichen Diskurs und im engen Umfeld von Vergewaltigungsopfern, die Tabuisierung. Rapeculture ist es, das Überleben einer Vergewaltigung als etwas Beschämendes zu behandeln. Rapeculture ist es, wenn Familien an Vergewaltigungsanschuldigungen zerbrechen, denen kein Glaube geschenkt wird, die ignoriert oder totgeschwiegen werden.

Rapeculture ist die Objektifizierung von Frauen als Teil eines entmenschlichenden Prozesses, der Konsens unwichtig macht. Rapeculture ist es, die Körper von Frauen wie öffentliches Eigentum zu behandeln. Rapeculture ist Belästigung auf der Straße und Grabschen in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Rapeculture ist die verschwommene Grenze zwischen Beharrlichkeit und Nötigung.

Rapeculture ist es, so zu tun, als seien nicht-körperliche sexuelle Übergriffe wie von Spannern völlig frei von jeglichem Bezug zu brutalen, körperlichen sexuellen Übergriffen – anstatt sie als ein zusammenhängendes Ganzes zu sehen.

Rapeculture ist es, den Ernst eines sexuellen Übergriffs, versuchten sexuellen Übergriffs oder einer tatsächliche oder mögliche Nötigung auf irgend eine Art zu verharmlosen.

Rapeculture ist es, Dinge wie „der Geldautomat hat mich mit einer unverschämten Gebühr vergewaltigt“ oder „vergewohltätigen“ zu sagen.

Rapeculture sind Vergewaltigungswitze. Vergewaltigungskultur sind Vergewaltigungswitze auf T-Shirts,Vergewaltigungswitze in den Nachrichten, Vergewaltigungswitze in Zeitschriften, Vergewaltigungswitze in viralen Videos, auf Witzeseiten von Zeitungen, in Fernsehserien, von Prominenten, Vergewaltigungswitze auf Bühnen, Vergewaltigungswitze in der Politik, in Filme, in Cartoons, in Discos, auf MTV, in Late-Night-Talk-Shows, auf Preisverleihungen (…)* (Anm. ausführliche Belegquellen im Originaltext)*

Rapeculture sind die unzähligen Arten auf die Vergewaltigung stillschweigend und offenkundig begünstigt und angespornt wird, dass sie unsere Kultur bis in die hinterste Ecke so durchdrungen hat, dass die Menschen nicht einmal ohne Weiteres erfassen können, was Vergewaltigungskultur wirklich ist.

Das ist noch lange nicht alles. Es ist eher die Spitze eines unergründlichen Eisbergs.

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Quellen/Weiterführendes:

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