Sagen Feminist*innen, dass Geschlechter nicht existieren?

Geschlecht (Gender) ist sozial konstruiert (spiegelt sich in Stereotypen) und entspricht nicht zwangsläufig dem biologischen Geschlecht (Sex).


Wenn „Geschlecht ein soziales Konstrukt“ ist, sagen Feminist*innen dann, dass Geschlechter überhaupt nicht existieren?

Antwort: NEIN. Soziale Konstrukte sind menschliche Begriffsbildungen, erfunden, aber deswegen nicht unbedingt eingebildet (es sei denn es man meint, dass soziale Konsequenzen eingebildet sind). Soziale Konstrukte sind menschliche Systeme sozialer Interaktionen, die um gemeinsame Ideen herum organisiert sind.

Diese gemeinsamen Ideen mögen wahr, falsch oder ungenau sein, aber die sozial konstruierten Systeme die als Antwort auf diese gemeinsamen Ideen entwickelt wurden, sind sehr, sehr real. Woraus ist diese Verwirrung entstand? Ich vermute, weil man annimmt das „Konstrukt“ auch „konstruiert“ bedeutet, im Sinne von „ausgedacht“ oder „fantasiert“. Konstruiert bedeutet lediglich künstlich, und

„künstlich“ ist das Gegenteil von „natürlich“, nicht das Gegenteil von „echt“.

Der künstliche Aspekt sozialer Konstrukte ist, dass wir diese Systeme anhand von Erwartungen und Verpflichtungen geschaffen haben, als Antwort auf bestimmte Ideen die oft willkürlich sind und zwischen Kulturen variieren können, anders als soziale Konstrute die einfach eine unvermeidbare Entwicklung aus der menschlichen Natur sind.

Das Folgende wird jetzt scharfzüngiger als üblich, weil das hier verblüffend ist (Obwohl meine Scharfzüngigkeit auf eher auf jene Antagonisten, die ihre überlegene Logik verlautbaren, bezogen ist als auf diejenigen, die sich tatsächlich informieren möchten). Soziale Konstrukte können schwer nachvollziehbar werden, weil soziale Rollen und Erwartungen Elefanten im Raum sind, die sich niemand traut, in Frage zu stellen. Also warum bestehen manche Leute darauf zu behaupten, den Gender-Elephanten getötet zu haben obwohl sie nur bemerkt haben, dass er große Ohren hat?

Oft benutzen die Menschen die meinen, überlegene Logik-Fähigkeiten zu haben, ähnliche Fragen bezüglich sozialer Konstrukte um ein angeblich verheerendes Argument gegen verschiedene Aspekte von progressivem Denken aufzubauen. Es erstaunt mich, dass empfindungsfähige Individuen so eine große Wagenladung EPIC FAIL aus der Anhaltspunkte-Abteilung mitgenommen haben, als wollten sie sagen „AHA!! Hab ich euch, ihr Gender-Krieger! Nimm das!“ ohne auch nur ansatzweise verstanden zu haben, dass nur, weil soziales Konstrukte physische/biologische Fiktionen sind, es dennoch unbestreitbare soziologische Fakten sind. Lexika sind deine Freunde, für den Anfang.

Liste sozialer Konstrukte:

  • Geld
  • Grundbesitz
  • Religion
  • Rasse
  • Politik (Parteipolitik noch mehr)
  • Kapitalismus/Kommunismus/’ismus deiner Wahl
  • Ehe
  • Nationen
  • Rechtssysteme/Rechtssprechung
  • sozialer Status
  • Royalität, Aristokratie, Bourgeoisie, Proletariat (Ober/Mittel/Unterklasse)
  • Sklaverei
  • Mode
  • Sport

Geschlecht ist eher sozial anerzogen, als biologisch bestimmt, genau so Religion. Diese konzeptuellen Systeme sind reale Phänomene, die das Leben von Menschen beeinflussen, selbst wenn sie nichts mit unserer wesentlichen Biologie zu tun haben. Traut sich jemand, sein Heim als sein Eigentum zu bezeichnen, ohne das soziale Konstrukt von Eigentumsrechten und einem Justizsystem? Ausser reiner Muskelkraft wird man nichts haben, um dies verteidigen zu können.

Soziale Konstrukte existieren, weil Menschen sich eine Kultur aneignen, in der solche Konstrukte bedeutsam sind. Es ist die mehrfahre Überschneidung sozialer Konstrukte, die die wahrgenommene soziale Rolle festlegt.

Die für Feminismus (und andere progressive *ismen) wichtigste Auslegung sozialer Konstrukte ist, dass sie eher dehnbar sind, als inherent festgelegt. Historiker haben dokumentiert, wie soziale Konstrukte in der Ver-gangenheit regelmäßig ihre gemeinsamen Annahmen modifiziert haben (göttliches Recht der Könige zB.) als Antwort auf die wechselnden Umstände die alte Konventionen herausfordern (inklusive neuer Ideen).

Quellen/Weiterführendes

1 Kommentar

  • chi-tace-acconsente sagt:

    Schöner Beitrag.

    Neulich habe ich in irgendeinem Forum die Meinung gelesen, Männer und Frauen seien verschiedene Arten (im biologischen Sinn). Das fand ich dann doch sehr amüsant. (Begründet wurde das dann damit, dass der Forist einem männlichen Schimpansen genetisch näher sei als einer menschlichen Frau. Ich kann nur sagen, dass er dem Schimpansen nicht nur GENETISCH näher war. 😉 )

    Im Ernst, ich habe auch schon von Atheisten gehört, Religiöse seien (biologisch gesehen) eine andere Spezies. Das bezog sich darauf, dass irgendwann einmal eine Studie unterschiedliche Hirnstrukturen bei Religiösen und Atheisten festgestellt hatte. Dumm nur, dass jeder Lernprozess zu einer Änderung der Hirnstruktur führt, weshalb sich der Unterschied einfach auf die unterschiedlichen Erfahrungswelten religiöser und atheistischer Menschen beziehen dürfte.

    Und meine Leiblingsantwort auf Biologisten ist seit „Django unchained“:

    https://www.youtube.com/watch?v=Lj46lfpBUlY

    😉

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