Sind Feministinnen nicht alle lesbische Männerhasserinnen?

Kurze Antwort: Nein. Feminist*innen haben verschiedene Hintergründe, mit unterschiedlichen Werten und Meinungen, und gleichen sich (unter anderem) in keiner Weise bei ihren sexuellen Vorlieben.


Einige Feministinnen positionieren sich als lesbisch, einige als heterosexuell, andere als bisexuell, asexuell, etc. Der „Männerhass“-Teil, hat mehr mit einer Gegenreaktion auf Frauen die sich gegen Unterdrückung aussprechen zu tun, als mit tatsächlichen Fällen von „Männerhass“ durch Feministinnen (dazu dieser FAQ-Eintrag über das Verschmelzen der Aktionen von Einzelpersonen mit der Ideologie einer gesamten Gruppe).

Feministinnen als Lesben

Mythos Nummer 3: Feministinnen sind verbittert weil sie hässlich, haarig und lesbisch sind. Warum sollte eine gute Kundin darüber verbittert sein, unglaublich viel Geld zu sparen, indem sie die millionenschwere Schönheitsindustrie ablehnt?

Was ist falsch daran, lesbisch zu sein? Lass mich raten: du denkst es ist unfairer Wettbewerb für heterosexuelle Männer mit wenig Können beim Vorspiel? Ich sage, Wettbewerb ist eine gute Sache; es gestattet der/dem besten Liebhaber*in das Mädchen zu kriegen.

– Aspazia (Mad Melancholic Feminista): Feminism 101: Myths and Facts.

Wie du im obigen Zitat sehen kannst, ist der „alle Feministinnen sind lesbisch“ Mythos oft an den Mythos, „alle Feministinnen haben behaarte Beine/ tragen Flannelhemden/sind männisch/hässlich gekoppelt. Nichts von all dem, es sei immer wieder erwähnt, ist was Schlechtes. Das Problem ist, dass diese Attribute 1) kurzerhand als „schlecht“deklariert werden, um es der Person zu ermöglichen alle Mitglieder dieser Gruppe abzulehnen, und 2) sie den Menschen einer Gruppe aufgedrückt werden, selbst wenn sie keine davon inne haben.

Abgesehen von der individuellen Ebene, ist es wichtig (besonders für heterosexuelle Feminist*innen) anzuerkennen, dass lesbische Frauen eine wichtige und positive Rolle für den modernen Feminismus spielen und gespielt haten. Vor allem hat der lesbische Feminismus (Wikipedia Link), trotz all seiner Fehler (besonders in Bezug auf die Ablehung von Transmenschen, -identität und -problemen), den Mainstream-Feminismus auf Homophobie und Heteronormativität in den eigenen Reihen aufmerksam gemacht. Wie in diesem glbtq-Artikel über lesbischen Feminismus steht, „Eine der signifikantesten Errungenschaften der lesbischen, feministischen Bewegung war es, ein Netzwerk sozialer und politischer Unterstützung zu schaffen, die Lesben half mit Isolation, Stigmata und juristischen Problemen umzugehen, mit denen viele Homosexuelle zu kämpfen haben.“

Feministinnen als Männerhasser

Anders als beim „alle Feministinnen sind lesbisch“-Mythos, wäre es eine schlechte Sache, wenn der „alle Feministinnen sind Männerhasser“-Mythos wahr wäre. Gut dass dem nicht so ist (was schon ausführlicher im Warum hassen Feministinnen Männer? FAQ-Eintrag besprochen wurde).

Abgesehen davon, dass der „Männerhass“-Mythos ein, nun – Mythos – ist, ist es wichtig anzumerken dass er seine Wurzeln in der Homophobie hat:

Die Idee dass Feministinnen Männer hassen basiert teilweise auf der Darstellung des radikalen Feminismus der 1960er und 70er in den Medien, besonders die Horrorvorstellung des lesbischen Separatismus. Hier wurde ein sehr marginaler, aber radikaler Aspekt des Feminismus hervorgehoben und als repräsentativ für eine ganze Bewegung dargestellt. Diese Behauptung schafft auch eine homophobe Verbindung zwischen Feminismus und lesbischen Frauen…

– Winter (Mind the Gap): Springing the Traps: On Countering Anti-Feminism (Artikel nicht mehr verfügbar).

In der Tat hat der Mainstream-Feminismus in der Vergangenheit versucht, sich vom „Männerhass“-Stereotyp zu verabschieden, indem er sich von Lesben distanzierte:

[Betty] Friedan, und einige andere heterosexuelle Feministinnen auch, waren besorgt dass die Verbindung [zwischen lesbischen Frauen und NOW/der aufkommenden Frauenbewegung] die Möglichkeit einen politischen Wandel zu erreichen für den Feminismus vereiteln, und dass Stereotype wie „männische“ und männerhassende“ Lesben eine Steilvorlage geben würden, die Bewegung an sich abzulehnen.“

Wikipedia: Lavender Menace.

Natürlich ist die „Bedrohung“ für Männer sowohl beim lesbischen als auch feministischen Aspekt, dass Frauen Männer nicht als Mittelpunkt ihres Lebens sehen müssen und sollten:

[Die Woman-Identified Woman] Autorinnen behaupten, dass Lesben eher von zentraler als von nebensächlicher Bedeutung für die feministische Bewegung sind. Die als Frau identifizierende Frau, untergräbt das Patriarchat, indem Sie ihre Energie den Männern entziehen, Beziehungen zu anderen Frauen bejahen und Frauen nach eigenen Bedingungen akzeptieren, unabhängig von Männern. So lange Frauen die
Bestätigung von Männern und männlichen Institutionen suchen, könnten sie keine autonomen menschlichen Wesen sein.

– glbt: Lesbian Feminism.

Klärende Konzepte

Männerhass als Ablenkungsmanöver

Es ist ziemlich egal, ob ein paar wenige Feministinnen Männer „hassen“ (ich habe noch nicht eine getroffen, aber ich verspreche euch, dass ich es sage wenn ich es tue), Männerfeindlichkeit wird dennoch als Ablenkungsmanöver verwendet. Wenn man auf dieses Manöver trifft, sollte man nicht anfangen über den tollen Partner und die männlichen Freunde zu reden, die man (offensichtlich) nicht hasst. Es gibt keine Chance zu beweisen dass Feministinnen Männer nicht hassen, da die Person davon zu überzeugt ist, und erneut: das Argument ist reine Strategie. Frag sie welche männerhassenden Feministinnen sie schon getroffen haben. Können sie dir männerfeindliche Artikel und Bücher nennen? Du hättest echtes Interesse daran, die mal zu lesen. Oder wenn du wirklich provokativ sein willst, frag sie ob sie verstehen warum manche Frauen gute Gründe haben könnten mit Männern Probleme zu haben. Ich meine, wenn mein
Ehemann mich schlägt, fange ich nicht an alle Männer zu hassen, aber ich wäre aus gutem Grund eher ängstlich Ihnen gegenüber. Frag sie was getan werden könnte dass Frauen sich nicht mehr von Männern verängstigt fühlen müssen und dass Feministinnen nicht mehr so böse sind.

– Winter (Mind the Gap): Springing the Traps: On Countering Anti-Feminism (Artikel nicht mehr verfügbar).

Zur Homophobie des Mythos

Wo es Frauen betrifft, wird oft eine Linie gezogen bei „Ich will keine Feministin sein, weil Feministinnen alle lesbisch sind.“ Neben dem homophoben Stigma wird lesbisch sein als schlechte Sache bezeichnet, mit der man nichts zu tun haben möchte. Wenn junge Frauen in aller Ruhe solche Ansichten ausdrücken, dass sie keine Feministinnen sein wollen, weil diese alle Lesben wären, bin ich am meisten besorgt darüber dass diese jungen Leute immer noch nicht ihre Homophobie überwunden haben. Ist die Existenz von Lesben im Feminismus ausreichend um die ganze Bewegung eklig wirken zu lassen? Sind Lesben immer noch als sozial verachtenswerte Kreaturen angesehen? Als lesbische Feministin ist der Gedanke dass meine Identität als Auslöser für Ekel für junge Männer und Frauen dient, nicht entmutigend. Es macht keinen Sinn ihnen Beispiele von heterosexuellen Feministinnen zu zeigen und damit implizit alle lesbischen Feministinnen zu verleugnen. Statt dessem würde ich ihnen einfach sagen dass ich ihre Homophobie einfach widerwärtig finde. Wenn sie sich selbst nicht als homophob ansehen, bringt das vielleicht eine Diskussion in Gange. Wenn sie tatsächlich homophob, und damit zufrieden, sind, dann suchst du dir besser andere Gesprächspartner.

– Winter (Mind the Gap): Springing the Traps: On Countering Anti-Feminism(Artikel nicht mehr verfügbar)

tl;dr

Feminist*innen sind keine homogene Gruppe, im Gegenteil. Dieses ständig wiederkehrende Vorurteil wird der Vielfalt der Bewegung nicht mal ansatzweise gerecht. Darüberhinaus handelt es sich um homophobe und derailende Klischees.

Quellen / Weiterführendes

2 Kommentare

  • Myrddin sagt:

    Dass der Feminismus zwischenmenschliche Beziehungen beeinflusst ist doch wohl logisch, denn es ist ja deklarierte Absicht des Feminismus, zwischenmenschliche Beziehungen zu verändern. Diskutieren muss man da nur, ob die jeweilig angewandte Methode auch zum gewünschten Ziel führt.

    Von einer Rape Culture auszugehen bedeutet nicht, dass Männer potentielle Vergewaltiger sind, sondern dass bestimmte Formen des ungewünschten Eingriffes in die Intimsphäre eines anderen Menschen gesellschaftlich akzeptiert sind und sogar propagiert werden. Und dies ist nunmal Stand der Dinge in dieser Gesellschaft.
    Auch Männer*, die selbst nicht Vergewaltigen können somit Agenten einer solchen Kultur sein. Aber sie müssen und sollten im Idealfall auch nicht.

    Ich glaube erst dann, dass sich jeder Mensch nach Anerkennung sehnt, wenn ich alle gefragt und von allen eine Bestätigung bekommen habe. Ansonsten ist es eine Verallgemeinerung, die ohne Begründungszusammenhang ziemlich schwach dasteht. Ich brauche keine Anerkennung, um mir meiner Selbst bewusst zu sein. Ich erwarte Respekt, das ist aber was anderes, denn ich muss nicht auch anerkennen oder gar gutheißen, was ich respektiere.

    Und dann ist hier noch ein Punkt, den ich sehr kritisch sehe, denn es gibt außerhalb von Partnerschaften eine Menge von Möglichkeiten, Nähe, Geborgenheit und Liebe zu erfahren. Mich nervt diese romantische Idee von der Selbsterfüllung in der Partnerschaft ungemein, die überall propagiert wird. Ich kann mir ja kaum einen Film angucken, ohne damit belästigt zu werden. Kein Wunder, dass das von so vielen Menschen dann auch geglaubt und nicht mehr in Frage gestellt wird. Es gab Zeiten, da wurden Partnerschaften fast grundsätzlich aus pragmatischen Gründen eingegangen, mit romantischer Liebe hatte das gar nichts zu tun. Diese Form von Partnerschaft, die jetzt im Trend ist, ist eine relativ neue bürgerliche Phantasie. Ich bin mir sicher, dass es durchaus möglich ist, auch ohne eine_n Partner_in keinen Mangel zu erleben und ich kenne auch Menschen, die dies leben und es mir bestätigen (und ich glaube ihnen).

    • Myrddin sagt:

      Das definiert die Person, bei der der Eingriff stattfindet, wer soll das sonst beurteilen können? Niemand sonst steckt in ihrer Haut.
      Ja, tabuisiert wird vieles, zum Beispiel Gespräche darüber, dass Geistliche es gerne mal mit kleinen Kindern treiben, passieren tut es trotzdem.

      Diese vagen Hintergrundannahmen werden aber längst nicht allen Menschen gerecht. Die Grenzen sind bei Menschen recht unterschiedlich und es kann keinen allgemeinen Kodex geben, nach dem man sich zu richten hat.

      Nein, das muss mir nicht egal sein. Ich habe ja gesagt, dass mir Respekt durchaus wichtig ist. Ich mache da aber einen Unterschied zur Anerkennung, was nach meinem Empfinden schon mehr mit einem Geltungsbedürfnis zu tun hat.

      Wer sagt, dass ich das nicht erfahren konnte? Ich betrachte es nur nicht als das Nonplusultra. Ich finde es auch nicht richtig, sich so stark auf eine Person zu fixieren. Was mute ich einer Person an Verantwortung zu, wenn ich meinen Antrieb auf sie baue oder meine persönliche Weiterentwicklung von ihr abhängig mache? Das tu ich nämlich in dem Moment, wo ich meine, dass ich ohne diese Form von Beziehung immer einen Mangel hätte. Da blockiert sich in mir einfach alles. Wenn es denn trotzdem passiert, ist das was anderes. Natürlich soll so eine Beziehung eine Bereicherung für beide sein und ich genieße sehr gerne das, was ich daraus bekomme und auch das, was ich geben kann. Aber ich finde es falsch, sich darauf zu fixieren. Da gibt es nichts, was irgendwem leid tun müsste für mich, denn mir fehlt da nichts. Außerdem muss nicht alles, was ich sage oder schreibe direkt mit mir zu tun haben. Mich macht Rassismus auch emotional betroffen, obwohl ich selbst selten persönlich direkt darunter leiden musste.

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