Verinnerlichter Sexismus

Internalized Sexism ist eine von Frauen verinnerlichte, sexistische Grundhaltung, die aus einer sexistischen Gesellschaft resultiert. Außerdem wird diese unbeabsichtigt reproduziert, indem sexistische Aussagen benutzt und weitergeben werden.

Die Auswirkungen einer sexistischen Gesellschaft

Wir leben in einer Gesellschaft, die uns vom Tag unserer Geburt an, bis zu dem Tag an dem wir sterben, mit sexistischen Botschaften bombardiert. Die Art, wie diese Botschaften ankommen, variiert von Person zu Person. Sie wird außerdem von Faktoren wie Zeit, Ort, Persönlichkeit oder Tagesform beeinflusst.

Wenn jemand einer bestimmten Botschaft ausgesetzt ist, wird er oder sie diese auf einer bewussten und unterbewussten Ebene interpretieren und anschließend entscheiden, wie diese Botschaft letztendlich verinnerlicht wird: sie wird akzeptiert, abgelehnt oder beides vermischt.

Jamet Thomas erklärt innere und äußere Unterdrückung:

Die sexistische Botschaft erreicht uns auf zwei Arten: äußere und innere Unterdrückung. Der äußere Sexismus sind Aussagen und Verhaltensweisen die uns von Außen, durch Institutionen oder Einzelpersonen erreichen, beispielsweise „Frauen sind zu emotional um Führungspositionen zu übernehmen“. Verinnerlichter Sexismus ist es, diese Stereotypen und Fehlinformationen zu glauben und zu übernehmen. Eine sexistische Gesellschaft vermittelt uns, was es bedeutet weiblich zu sein, z.B. „Was weißt ich schon…“, „Wer bin ich das zu sagen…“. Sowohl die äußere als auch innere Art der Unterdrückung ist schmerzhaft und einschränkend für Frauen als Einzelpersonen oder in einer Gruppe und entzieht uns die besten Gedanken, Entscheidungen und Handlungen.

– Janet Thomas (BREAKFREE): THEORY AND THOUGHTS.

Der Zusammenhang dazwischen, eine Empfängerin von Sexismus von außen zu sein und ihn zu verinnerlichen ist nicht direkt kausal. Wenn einem Mädchen befohlen wird, den Mund nicht aufzumachen, weil es das ist „was Mädchen zu tun haben“, wird sie das nicht auch zwangsläufig verinnerlichen. Sie könnte verschieden darauf reagieren, etwa mit „Ich möchte ein braves Mädchen sein, also werde ich auf das achten was ich sage“ (Akzeptanz), „Wenn ‚brave‘ Mädchen den Mund halten müssen, dann will ich ein ‚böses‘ Mädchen sein“ (Mischung aus Akzeptanz und Ablehnung) oder „Ich bin ein gutes Mädchen aber ich will den Mund aufmachen können, also irrst du dich“ (Ablehnung). Es ist wichtig zu verstehen, dass wir zwar alle unterschiedlich verinnerlichen, aber ausnahmslos alle von diesen Botschaften beeinflusst werden.

Eine weitere Sache der mensch sich gewahr sein sollte ist, dass es sich nicht nur um eine anlassbezogene Botschaft handelt. Es ist nicht nur das kleine Mädchen, dem gesagt wird, dass „brave Mädchen“ ruhig zu sein haben, sondern eher, dass sie dieser Botschaft durch eine Vielzahl von Kanälen ausgesetzt ist: Sowohl durch direkte Aussagen als auch durch die Art, auf die kleine Jungs anders behandelt werden, wie sie sich gegenüber kleinen Mädchen verhalten oder die Darstellung von Mädchen im Fernsehen. Sie wird auch das Gegenteil zu hören bekommen, dass „gute Mädchen keine Angst davor haben, offen zu sagen was sie denken“ oder durch eine Schulumgebung, in welcher bewusst versucht wird, die Kinder geschlechtsneutral zu behandeln oder Fernsehserien, in denen Mädchen als aktiv und selbstbestimmt dargestellt werden. Das alles trägt dazu bei, wie Botschaften verinnerlicht werden, und wenn das Mädchen größer wird und Erfahrungen sammelt, wird sich die Art der Verinnerlichung entsprechend verändern.

Die Folgen von verinnerlichtem Sexismus

Verinnerlichter Sexismus beeinflusst sowohl uns selbst negativ, als auch die Frauen in unserem Umfeld. Das zeigt sich hauptsächlich auf die folgenden Arten:

Verinnerlichter Sexismus ist eine unfreiwillige Reaktion auf Unterdrückung, die ausserhalb der eigenen Gruppe entsteht und dazu führt, dass Mitglieder der Gruppe sich selbst und gegenseitig verabscheuen und für die eigene Unterdrückung verantwortlich machen – anstatt zu erkennen, dass diese Meinungen durch das unterdrückerische, sozio-ökonomisch-politische System konstruiert werden.

– Penny Rosenwasser (Proceedings of the 41st Annual Adult Education Research Conference, 2000): Tool for Transformation: Cooperative Inquiry as a Process for Healing from Internalized Oppression.

Der Umgang mit dem eigenen Sexismus wird, wie das Verinnerlichen des von außen wirkenden Sexismus, durch verschiedenen Faktoren beeinflusst. Wenn Rosenwasser sagt, dass „Gruppenmitglieder sich selbst gegenüber abgeneigt sind“ (Selbsthass), meint sie nicht, dass alle Frauen die ganze Zeit deprimiert sind, weil sie permanent darüber nachdenken, wie nutzlos sie sind, weil sie Frauen sind. Selbiges gilt für das „nicht mögen von Anderen in der Gruppe“ – es bedeutet nicht, dass etwa Frauen, die Sexismus verinnerlicht haben, keine Beziehungen zu anderen Frauen aufbauen können. Was es allerdings bedeutet ist, dass es für Frauen – auch feministische – sehr leicht ist, eine „männliche“ Perspektive einzunehmen und dadurch die „weiblichen“ Standpunkte abzuwerten. Anders ausgedrückt:

Die Folgen, sich diese Rolle zu Eigen zu machen, sind ein enormes Reservoir an Selbsthass. Kein wirklich wahrgenommener oder hingenommener Selbsthass, die meisten Frauen würden das leugnen. Er kann sich dadurch ausdrücken, sich in seiner eigenen Rolle unwohl zu fühlen, als Gefühl der Leere, als Taubheit, Unruhe oder lähmende Ängstlichkeit. Es kann sich auch in einer Verteidigung der eigenen Rolle äußern. Aber er existiert, oft unterbewusst, vergiftet ihr Dasein, entfremdet sie von sich selbst und ihren eigenen Bedürfnissen, lässt sie auf andere Frauen wie eine Fremde wirken. Es folgt der Fluchtversuch: Identifikation mit dem Unterdrücker,, durch ihn leben, Status durch seine Macht und seine Errungenschaften erlangen. Und dadurch, sich nicht mit anderen „leeren Hüllen“ zu identifizieren, wie sie selbst es sind. Frauen identifizieren sich nicht mit anderen Frauen, die ihre eigene Unterdrückung, ihren zweitrangigen Status, ihre eigenen Selbstzweifel widerspiegeln. Eine andere Frau damit zu konfrontieren ist letztendlich die Konfrontation mit dem eigenen Selbst, das man vermeiden wollte. Und in diesem Spiegel wissen wir, dass wir das, zu dem wir gemacht wurden, nicht wirklich lieben und respektieren können.

– Radicalesbians (Special Collections Library, Duke University): The Woman Identified Woman.

Verinnerlichter Sexismus ist schlecht für uns selbst, schlecht für andere Frauen und schlecht für die Gesellschaft als Ganzes, selbst wenn es sich nicht immer so anfühlt. Es ist definitiv leichter, seine von der Gesellschaft zugeteilte Rolle zu akzeptieren, selbst wenn sie manchmal unglücklich macht. Es ist unendlich viel leichter, andere Frauen – die keine institutionelle Autorität haben, um uns etwas von der erlangten Macht wegzunehmen – als „das Problem“ zu bezeichnen, obwohl das kein bisschen zur Problemlösung beiträgt. Mit der Verlagerung der Schuldzuweisung und der Erschaffung eines Sündenbocks wird allerdings nur die eigentliche Wurzel des Problems verschleiert: sexistische Ansichten und Institutionen.

Verinnerlichten Sexismus bekämpfen

Was kann dieser Form des Sexismus entgegengesetzt werden? Der erste Schritt ist zu akzeptieren, dass er existiert:

Auch Frauen müssen verstehen, dass sie Sexismus verinnerlicht haben. Wird die eigene Beteiligung an diesem System eingestanden, kann damit begonnen werden, es zu verändern.

– Katey Zeh (Women’s Ministries): We Asked a Young Feminist….

Ein Bewusstsein für die Art, wie äußerer Sexismus in der Welt wirkt, aber auch auf die Art wie seine Botschaften verinnerlicht werden. Es kann nicht sein, dass wir uns selbst für eine Ausnahme zu halten, weil wir klug genug sind, gebildet genug oder aufmerksam genug, um über all diese Arten des Sexismus erhaben zu sein. Unabhängig von der eigenen Awareness, die wir in die Enttarnung von Sexismus stecken, sind wir schlussendlich doch nur Produkte der Gesellschaft in der wir leben und deshalb werden sexistische Annahmen immer in den Hintergedanken stecken. Haben wir akzeptiert, dass wir alle manchmal Teil des Problems sind, können wir damit beginnen daran zu arbeiten, das Problem zu verkleinern. Anschließend gibt es viele Dinge die im Kampf gegen verinnerlichten Sexismus getan werden können. Es folgen einige Vorschläge.

Uns selbst von der verinnerlichten Unterdrückung zu befreien heißt zunächst, ein Bewusstsein für die Einschränkungen zu schaffen, die wir uns selbst auferlegen. Lebe ich mein Leben in dem Bewusstsein, was ich wirklich will und wer ich wirklich bin, oder versuche ich mich anzupassen? Schätze ich andere Frauen für ihre Größe und schätze den Raum, den sie für mich und alle Frauen auf der Welt schaffen, oder antworte ich mit verinnerlichter Unterdrückung, in dem ich denke und sage „Wer glaubt sie denn wer sie ist …?“? […] Lasst uns den Mut haben, die Stimmen des verinnerlichten Sexismus zu hören und die Entschiedenheit, ihn als den angstgetriebene Unsinn, der er ist, abzulehnen. Lasst uns Frauen unterstützen und feiern, jedes mal wenn sie sich wie ein verspieltes, entschiedenes, aus tiefem Herzen lachendes, völlig lebendiges, menschliches Wesen benimmt. Lasst uns „JA!“ sagen und es uns ausdrücken, fühlen und leben. Go, Girl! Wer hat gesagt wir können uns nicht unser Stück vom Kuchen nehmen, es essen? Wovor haben wir Angst ? Keine Grenzen!

– Janet Thomas (BREAKFREE): THEORY AND THOUGHTS.

(gekürzt) – Konkrete weitere, übersetzte Beispiele für verinnerlichten Sexismus finden sich in den Claryfing Concepts„.

Es ist nicht einfach, den verinnerlichten Sexismus zu bekämpfen, ohne ihm selbst zum Opfer zu fallen. Die Grenze zwischen Kritik und Angriff ist nicht leicht zu ziehen. Es ist nicht einfach, zwischen angemessener Wut und unbegründetem Angriff zu unterscheiden. Aber trotz der Tücken ist es keine Option, es nicht zu versuchen. Wenn Frauen jemals wirkliche Gleichbereichtung erlangen wollen, müssen wir das gemeinsam tun; Wege finden, den verinnerlichten Sexismus zurückzudrängen, sowohl unseren eigenen, als auch den von anderen.

Quellen/Weiterführendes:

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