Warum konzentriert ihr euch auf X wenn Y doch so viel wichtiger ist?

Weil wir Lust dazu haben, wir uns damit auskennen, das Thema spannend finden oder weil es ein beachtenswerter Teilaspekt des großen Ganzen ist.


Kurze Antwort: Leute reden über Themen die sie interessieren und an denen ihre Leidenschaft hängt, weil das die Bereiche sind, in denen sie tendenziell über die meiste Erfahrung verfügen. Die Entscheidung, sich auf ein bestimmtes Themengebiet zu konzentrieren, bedeutet nicht, dass die Person denkt es wäre das wichtigste oder einzige Thema, mit dem sich die Beschäftigung lohnt. Nicht jede Diskussion kann oder sollte Disclaimer enthalten, die alle „wichtigeren“ Themen umfasst, mit denen sich die Autor*in zusätzlich beschäftigt.  Überzeugungsarbeit leisten, Organisation, Debatten führen oder aktivistisch zu sein bedeutet auch, dass es mitunter notwendig ist, sich auf selektive Teilgebiete zu konzentrieren.

Anmerkung, feminismus101.de:

Die Frage oder auch Aussage, ein bestimmtes Thema hätte doch viel mehr Gewicht, wäre brisanter, drängender oder wertiger, taucht (auch) in Diskussionen zu feministischen Themen immer wieder auf. Ein Beispiel: „Wieso prangerst du Mikrosexismus an, schreibt Briefe an Unternehmen (…) anstatt dich für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen zu engagieren?“.

Die Beziehung zwischen X und Y

Ein gängiges Argument von Leuten die über Spezialinteressen – wie Feminismus – reden, ist es zu sagen, anstatt über X zu reden, sollte eins sich besser über „wichtiges Problem“™ Y unterhalten. Die so kommunizierte Abhängigkeit zwischen X und Y ist auf einigen Ebenen problematisch:

  1. Sie geht davon aus, dass X und Y sich ausschließen.
  2. Sie geht davon aus, dass es eine objektive Bestimmungsgröße dafür gibt, was „wichtig“ ist und was nicht.
  3. Sie schafft eine Hierarchie von Problemen, die wiederum eine „korrekte“ Reihenfolge vorschlägt, die eingehalten werden muss.

Nur weil eine Person sich entschließt, ein bestimmtes Thema aufzugreifen, bedeutet dies nicht, dass sie sich nicht auch um anderes kümmert oder nicht anspricht. Die meisten Menschen haben mehr als ein Interessensfeld, und folglich auch mehr als ein Thema, über das sie debattieren.

Nur, weil sich Menschen entschließen, einen Artikel, eine ganze Serie von Texten oder sogar einen ganzen Blog einem bestimmten Thema zu widmen, heißt nicht, dass sie meinen, das besagte Thema wäre das einzig diskussionwürdige. Auch können wir nicht annehmen, dass die Diskussion über Spezialthema X die einzige Sache ist, die diese Person macht; sie könnte einige andere Texte haben, die dem „wichtigen Problem“™ Y gewidmet sind, oder sie ist involviert im Aktivismus für Y,  oder spricht nicht nur über Y, sondern außerdem noch über Z und W. Was ihre Beschäftigung mit X bedeutet, ist allein die Tatsache, dass sie etwas zum Thema zu sagen haben und glauben, es sei die Zeit und den Aufwand wert.

Es sollte auch erwähnt werden, dass etwas das für eine Person wichtig ist, nicht notwendigerweise wichtig für eine andere Person sein muss. Der Versuch zu bestimmen, welche Themen andere Leute behandeln sollten, ist zum Scheitern verurteilt, da Relevanz kaum objektiv bestimmt werden kann.

Zusätzlich zu dem, was eins persönlich wichtig findet, ist auch die Intersektionalität zu beachten. Weil einige Dinge eher direkten und unmittelbaren Einfluss haben, bedeutet das nicht, dass diese automatisch wichtiger sind. Meistens hat das „Problem ohne offensichtlichen Bezug“ A eine Beziehung zum „Problem ohne offensichtlichen Bezug“ B, weil sie Teil eines größeren Systems sind, welches vielfältige Aspekte beinhaltet. Obwohl es scheint, als wäre die Fokussierung auf B der effektivere Weg sein Ziel zu erreichen, ist es realistischer, separat, aber parrallel an beiden Dingen zu arbeiten, was zu einer robusteren und vollständigeren Lösung führt.

Die richtige Zeit, der richtige Ort und der richtige Weg um Y zu diskutieren

Darauf hinzuweisen, Interesse X sollte den Weg frei machen für wichtiges Problem™ Y weil jenes „so viel wichtiger ist“, ist, besonders wenn es im Raum einer anderen Person passiert, störend. Es ist eine übliche Trolltaktik, und ein altbekannter Rhetoriktrick: ein weiterer roter Hering.

Nicht jede Person tut dies aus böser Absicht, aber selbst mit der ernsthaften Überzeugung, dass die Diskussion über X im Anbetracht der Wichtigkeit von Y Zeitverschwendung ist, ist es unangebracht, das innerhalb einer anderen Debatte kundzutun. Es ist außerdem unwahrscheinlich, dass die Teilnehmer*innen dadurch empfänglich für deine Argumente werden.

Diese Taktik ist nicht auf bestimmte Gruppen beschränkt, sie kommt fast überall vor. Selbst in der breiten feministischen Bewegung gibt es Leute, die beispielsweise finden, Sexismus in Videospielen würde den Raum für andere wichtige Themen wie häusliche Gewalt oder dem Einkommensgefälle zwischen den Geschlechtern nehmen. Wenn Feminist*innen diese Taktik nutzen ist sie aber nicht weniger störend, und arbeitet sogar aktiv gegen die feministische Solidarität. Es gibt Raum für jede Art von Diskussion in der Bewegung, und es ist wichtig dass wir den Wert des Kampfes für Gleichberechtigung auf mehreren Ebenen verstehen.

Egal als wie du dich identifizierst (Feminist*in, Nicht-Feminist*in, Anti-Feminist*in..), es gibt Wege deine Haltung auszudrücken und die Debatte zu deinem Themen hin zu lenken, ohne gleichzeitig die Diskussion anderer zu unterbrechen oder zu beenden.

Um Diskussionen über Themen, die du wichtig findest zu fördern, versuch mal das: In „deinem“ Teil des Internets kannst du darüber schreiben, welche Probleme, deiner Meinung nach diskutiert werden sollten. Dann kannst du dies in der Originaldiskussion über X verlinken, mit einem kurzem Kommentar wie „Übrigens bin ich etwas besorgt wegen Y, und ich habe [hier] etwas darüber geschrieben, wenn ihr das gerne diskutieren möchtet“. Das bringt dir nicht nur Aufmerksamkeit für Y,  es sorgt auch dafür, dass die Debatte über X in der Bahn bleibt und schafft so Potenziale für produktive Diskussionen auch über Y, und das parallel. Alle gewinnen! (Ausser den Trollen.)

 

tl;dr

Weil wir Lust dazu haben, wir uns damit auskennen, das Thema spannend finden oder weil es ein beachtenswerter Teilaspekt des großen Ganzen ist.

 

Quellen / Weiterführendes

 

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