Was ist falsch an „What about teh menz?“

Das Thema ist vorbelasteter, als du vielleicht denkst. Reflektiere, was du wann in einen (lange bestehenden) Diskurs einbringst.


Was ist falsch daran, zu sagen, dass auch Männern „Dinge“ passieren? („What about teh menz?“)

Kurze Antwort: An sich nichts. Problematisch ist das dann, wenn Unterhaltungen in unmoderierten Blogs nicht stattfinden können, ohne dass jemand auftaucht und sagt: „€œaber von [x] sind auch Männer betroffen“ (auch bekannt als „€œPatriarchie schadet auch Männern“€, oder „€œWas ist mit den Männern?/What about the men?“€, kurz WATM). Wenn das geschieht, unterbricht es die Diskussion, die eigentlich gerade aufkommen sollte und hat den Effekt (ob beabsichtigt oder nicht), die Stimmen der Frauen zu wichtigen Problemen, wie Vergewaltigung und Reproduktionsrechten, zum Schweigen zu bringen.

Wann und warum WATM-Diskussionen unangebracht sind

Niemand behauptet, dass es keine Diskussionen mehr zu Männern und Maskulinität geben sollte. Es ist im Gegenteil wirklich wichtig, dass ein Dialog zu Problemen von Männern, inklusive Diskussionen über Gewalt gegen Männer, stattfindet. Die Sache ist die: ein weiblich geprägter Raum ist nicht der richtige Ort für diese Diskussion – es sei denn, es geht speziell um Probleme von Männern -€“ eben so wenig sind es sonstige Räume (feministisch oder nicht), die sich spezifisch mit Problemen von Frauen befassen. Das Ganze läuft darauf hinaus, dass nicht Frauen, sondern Männer die Orte schaffen sollten, um Probleme von Männern zu diskutieren. Es gibt in der Tat viele verbündete Feminist*innen, die genau das tun, und es gibt auch viele nicht-feministische (oder anti-feministische, wenn man so weit gehen will) Räume, die diese Art der Diskussion willkommen heiߟen. Daher ist die angemessene Reaktion auf einen Thread über Frauen ist nicht, dort einen Kommentar über Männer zu schreiben, sondern woanders eine Diskussion über Männer zu finden (oder selber anzustoßen).

Warum WATM Diskussionen so frustrierend sind

Für Menschen, denen feministische Diskussionen neu sind, wirkt die wütende Reaktion auf WATM-Argumente schockierend und mehr als nur ein bisschen abschreckend. Insbesondere, falls die Frage allem Anschein nach harmlos war. Obwohl es wahrscheinlich am Besten wäre, wenn alle Bloggerinnen und Kommentierenden sich an die 3-Kommentare-Regel halten würden, wird durch die immer wieder auftretenden, störenden Kommentare – so gut sie auch gemeint sein mögen – selbst die engelhafteste Geduld (die die meisten feministischen Bloggerinnen und Kommentierenden nicht (mehr) besitzen) auf eine harte Probe gestellt. Lies einmal diesen Kommentar:

€œWarum können wir nicht eine einzige öffentliche Unterhaltung über Vergewaltigung führen, ohne dass irgendjemand den gesamten Thread mit „€œOh die armen Männer! Was ist mit den Männern?“-Schreien dominiert?

– Jacylin

Ich kann gut verstehen, warum Neulinge, die das lesen, Jacylin als männerfeindlich empfinden könnten, insbesondere Männer, die durch Untersuchen von Maskulinität auf Feminismus gestoßen sind. Ich verstehe definitiv, wieso ein Mann, der das liest, sich unwillkommen fühlt und daraus schlieߟt, dass Feminismus wohl nicht die richtige Bewegung für ihn ist.

Aber betrachtet das Ganze mal aus meiner Perspektive. Ich bin seit 2005 eine aktive Teilnehmerin der feministischen Blogosphäre, und ich war schon seit Beginn der 2000er eine Leserin. Ich habe viele Threads über Probleme von Frauen gesehen -€“ insbesondere solche, die versuchen, Vergewaltigung und andere sexuelle Gewalt gegen Frauen zu thematisieren -€“ die in nichts anderes ausarteten als Rechtfertigungen gegenüer Männerrechts und Maskulismus-Trollen und anderen (im Allgemeinen männlichen) Schreibern, warum die Unterhaltung sich weiterhin auf die Erfahrungen von Frauen beschränken dürfen sollte. Das Ganze ging so weit, dass ich in meinem (stark moderierten Blog) dennoch über meinen Beitrag über Frauen und Gleichberechtigung einen Disclaimer schreiben musste, der betonte, dass der Beitrag sich nicht mit Männern befasst, da wortwörtlich jeder zweite Kommentar, den ich bekam besagte, dass es ungerecht sei, dass ich nicht über Männer schrieb. (gekürzt)

Ich verstehe also vollkommen, warum Jacylin und andere Feministinnen keine Geduld mehr mit einem noch so gut gemeintes WATM-Kommentar haben, da ich ehrlich gesagt auch keine Geduld mehr dafür aufbringen kann. Eine Sache, die ich immer versuche, neugierigen Nicht-Feministinnen, die auf mein Blog stoßen, zu vermitteln: es geht eben nicht nur um den einen Kommentar, sondern um eine lange, fortwährende Geschichte von WATM-Kommentaren, die jegliche sinnvolle Diskussion Über Probleme von Frauen verhindern. Es ist vielleicht auch wert zu erwähnen, dass es aufgrund der Vielzahl an Trollen, die auf feministische Seiten kommen, sehr schwierig ist, festzustellen, wer ohne böse Absicht diskutieren will, und wer nicht.

Wie man vermeidet, für eine WATM-Diskussion kritisiert zu werden

Die Frage bleibt bestehen: Was kann man(n) tun, um WATM-Diskussionen zu vermeiden? Der erste und einfachste Schritt ist, sich Gedanken über den Ort zu machen. Um das zu vereinfachen ist es hilfreich, sich Fragen wie die Folgenden zu stellen: Welche Unterhaltung findet statt? Wird die Diskussion einer männlichen Perspektive/Erfahrung etwas beitragen oder eher störend wirken? Gibt es einen angemesseneren Ort, um meine Probleme zu diskutieren? Falls du das Gefühl hast, dass das Diskussionsthema breit genug ist, um Diskussionen aus einer männlichen Perspektive zu begrüßen, dann nimm (meinen!) folgenden Rat an:

  1. Wenn viele Frauen sagen, dass etwas wichtig ist, dann ist es das. Deine Meinung als Mann zum Umfang und der Art des Problems ist nicht relevant, wenn das spezifische Problem Erfahrungen von Frauen betrifft.
  2. Denk immer daran, dass es einen Unterschied zwischen Gruppen und individuellen Mitgliedern einer Gruppe gibt. Wenn dir das egal ist, und du in Unterhaltungen über Unterdrückung von Gruppen Beispiele von schwächeren Mitgliedern der dominanten Gruppe und stärkeren Mitgliedern der unterdrückten Gruppe bringst, dann wirkst du so, als sei dir Gerechtigkeit egal. „Michael Jordan geht es besser als mir.“ – Das sagt aber nichts über den Tragweite von Rassismus in unserer Gesellschaft aus. […]
  3. Wenn du uns von der männlichen Perspektive einer Sache erzählst („Männer meinen es doch nicht so!“ „Männer fühlen sich schwach im Vergleich zu Frauen“), geh davon aus, dass wir das bereits verstehen. Und bedenke, dass der Grund, dass es für dich so aussieht als würde die männliche Perspektive ausgeschlossen oder missverstanden, der ist, dass wir über uns und den Effekt eurer Aktionen auf uns sprechen. Außerdem bist du Teil eines größeren Systems, und wir können deine Intention nicht erraten.
  4. Versuch, dem, was eigentlich gerade gesagt wird, mehr Beachtung zu schenken. Bevor du auf etwas antwortest, denk gut darüber nach, was du eigentlich sagen willst und ob du es verstehst. Wenn du es nicht verstehst: Frag. […]
  5. Stell keine Hierarchie von Unterdrückungsformen auf, in der du ordnest, welche Form schlimmer ist als welche andere. Wenn du das tust, antwortest du nicht auf die Behauptung, dass unsere Erfahrungen das Schlimmste sind, was uns je passiert ist, sondern du kommst einfach daher und erzählst uns, dass das doch gar nicht so schlimm wie X, Y oder Z sei.  Eine Frau zu sein ist ein unglaublich entscheidender Aspekt unseres Lebens, egal aus welchem demographischen Hintergrund wir kommen. An manchen Stellen sind die Auswirkungen abhängig von der Demographie unterschiedlich, und an anderen Stellen gibt es bemerkenswerte Gemeinsamkeiten. Aber es ist in keinerlei Hinsicht werden die Auswirkungen dominiert von anderen Ungleichheiten. Eine Frau zu sein vergrößert lediglich die Effekte aller anderen Ungleichheiten.

 Uncongenial Post

Als Letztes empfehle ich sehr, etwas über männliche Privilegien zu lesen. Mit besonderer Aufmerksamkeit dafür, was die Rolle einer privilegierten Personist, die den Raum einer nicht-privilegierten Gruppe betritt. Oh, und vergiss nicht ähnliche Artikel, die unten aufgelistet sind. Letztendlich ist es auch Männern möglich, sowohl an feministischen Diskussionenn teilzunehmen als auch mit Feminist*innen sinnvolle Diskussionen über Probleme von Männern zu führen. Alles, was du dafür brauchst, ist etwas Verständnis bestehende Probleme, um solche Diskussionen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu führen.

Quellen / Weiterführendes:

5 Kommentare

  • Silver_Knee sagt:

    Der Link zur 3-Kommentar-Regel ist tot.

  • iscribo sagt:

    Es ist wirklich interessant, kaum wird ein Frauenthema besprochen, schon mischen sich die Männer ein und reißen die Diskussion an sich. Ich erinnere mich z.B. an eine Radiosendung zum Thema „Brustkrebs“, wo HörerInnen anrufen und live mitreden konnten. Die ersten 5-6 Wortmeldungen stammten von Männern, ich fragte mich wirklich, wieso? Und so ging das auch bei anderen Themen, wo Frauen in allererster Linie betroffen sind. Männer haben weiß gott genug Möglichkeiten sich zu äußern.

  • […] »Aufschrei«-Spam, sofort eine Gegenbewegung, die den Begriff ebenfalls verwendet (z.B. mit dem »What About Teh Menz«-Argument). Ist es schlimm, dass Sprache und Medien ein subversives Potential haben? Manchmal. […]

  • […] dass die armen Männer ja auch ihre Probleme haben. (Ich gehe jetzt nicht weiter auf den „What-about-the-menz“-Faktor ein, nur ein Satz: Warum wird die Debatte wieder auf die MÄNNER* umgelenkt, wenn es doch […]

  • redundtanz sagt:

    Aber so lange sich der Feminismus auf die Fahnen schreibt für Gleichberechtigung einzustehen, ist jedwede Kritik zu Ungleichheit und Sexismus legitim. Ansonsten sind die jeweiligen Autorinnen per Definition keine Feministinnen, sondern Frauenrechtlerinnen.

    Verzeihung, wenn dies nicht der geeignete Ort sein sollte um ein solches Problem anzusprechen, aber um wirkliche Gleichberechtigung zu erreichen wird es nötig sein, dass die Brücke von beiden Seiten des Gender Gaps aus gebaut wird. Habt den Mut eure Passivität im Zugehen auf Männer zu verlieren, liebe Frauen!

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